Es soll ja Leute geben, die ganze Passagen aus den "Sissi"-Filmen auswendig kennen. Und es soll - weniger - Leute geben, die zwar die "Sissi"-Filme kennen, aber gedacht haben, die sind Fiktion. Also richtige Fiktion, wie "Winnetou", nicht nur märchenhaft ausgeschmückte Historie. Beide Fraktionen kommen in der neuen Volkstheater-Produktion "Ach Sisi - Neunundneunzig Szenen" vor. Am Mittwoch fand die Corona-bedingt verschobene Uraufführung des Stücks, das Kabarettist und Liedermacher Rainald Grebe gemeinsam mit dem Ensemble erarbeitet hat, statt. Von dem achtköpfigen Ensemble spielt jeder mindestens einmal selbst die Sisi - manchmal auch alle auf einmal.

Die lange Sisi-Nacht

99 Szenen klingen nach viel, wie soll sich das in zwei Stunden ausgehen, fragt man sich. Der rasante Beginn dieser Revue gibt rasch die Antwort. Die Klammer des Stücks ist eine "Sisi-Radionacht" auf dem Formatradio 88.6: "Ihr Leben, ihr Tod, ihr Rock’n’Roll". Anna Rieser ist formidabel als aufmerksamkeitsdefizitäre Moderatorin und Christoph Schüchner beatboxt den ganzen Jinglekram. Dazu passend singen die Schauspieler - begleitet von einer Live-Band (Simon Frick, Chistoph Haritzer, Jens-Karsten Stoll) auf der Bühne - neu vertonte Gedichte der Kaiserin Elisabeth. Mal als Schlager, mal als Rap, mal als Rammstein-Getöse mit Klezmer-Exkurs. Manchmal mit Marschchoreografie, manchmal mit Krinolinenballett auf Rollsesseln.

Dazwischen drängeln sich Szenen, die sich entweder mit dem Mythos Sisi selbst befassen oder mit dem grundsätzlichen Faible Wiens für imperialen Kitsch. Herrlich deppert ist etwa eine Trainingsstunde der Lipizzaner, die hier als Steckenpferde über die Bühne hopsen, mit Andreas Beck als Conférencier, der erklärt, dass manche Pferde noch nicht weiß sind, weil sie "erst im Alter verschimmeln". Schön programmatisch schon der Beginn, als Tilla Kratochwil von Elisabeths Ermordung (Zitat der Kaiserin: "Was ist denn eigentlich geschehen?") erzählen will und abrupt unterbrochen wird. Die Fakten interessieren bei Sisi nun einmal keinen.

Liebt Ungarn, verdammt!

Das Bühnenbild besteht aus einer weißen Wand mit riesiger Tür und kleinen Fenstern. Eines öffnet sich und in Homeshopping-Manier bietet Kratochwil in üppiger Robe allerlei Sisi-Merchandise an, bis hin zu Sisi-Tampons und Sisi-Corona-Tests. Neben der Vermarktung der kaiserlichen Projektionsfläche kommen noch viele andere Aspekte zur Sprache, manche sehr lustig, wie ihre Liebe zu Ungarn: Balász Varnai herrscht das Publikum in einem großartigen Tobsuchtsanfall und in ungarischer (Frauen-)Tracht an, gefälligst schön laut "szeretem magyarországot" (ich liebe Ungarn) zu sagen. Anke Zillich muss sich als Erzherzogin Sophie im Radiotalk rechtfertigen, warum sie so gemein zu ihrer Schwiegertochter war.

Susanna Peterka erzählt im "Liebesg’schichten und Heiratssachen"-Stil, wie im echten Leben die Romantik von Karlheinz Böhm und Romy Schneider sich irgendwie nicht ausgegangen ist für den durchschnittlichen Filmzuseher. Uwe Schmieder ist sowohl Bühnenmeister des Musicals "Elisabeth" als auch Haushofmeister, der im Schnelldurchlauf erzählt, was so ein Urlaub einer Kaiserin mit 72-Personen-Gefolgschaft in Frankreich eigentlich an Organisation bedeutet hat. Am Ende verschwimmen seine verantwortungsvollen Rollen.

Haarfetisch, Gesundheitswahn, angebliche Affären, griechische Auszeiten, Kaiserhymne in Punkversion - kaum etwas wird hier ausgelassen. Dabei wäre wohl weniger mehr gewesen. "Ach Sisi" startet fulminant als etwas, das man als moderne Volkskomödie in unserer Zeit der schnellen Schnitte bezeichnen könnte. Leider geht Grebes Stück dann doch die Luft aus. Etwas weniger Musical-Gags und der Verzicht auf die Videoeinspieler (Psychiater Michael Musalek mit Ferndiagnose) hätten hier vielleicht die nötige Kondensation gebracht.

Trotzdem ein unterhaltsamer Theaterabend, und auch noch mit Skandalenthüllung: Beim Demel gibt’s gar kein Veilcheneis!