Franz Grillparzer, um 1861; Albumin-Abzug von Victor Angerer, Cabinetformat (Auszug) 
- © gemeinfrei

Franz Grillparzer, um 1861; Albumin-Abzug von Victor Angerer, Cabinetformat (Auszug)

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Die Selbstverständlichkeit der Schullektüre, die Geläufigkeit von Zitaten, einst Teil des österreichischen Bildungskanons, sind am Schwinden. Franz Grillparzer hat seine Rolle beim österreichischen Nationbuilding verloren; so hat selbst das kulturinteressierte Publikum Mühe, sich am einst so geschätzten dramatischen Werk, an der brokatenen, in Trochäen und Jamben gesetzten Sprache, an den oft reichlich komplizierten Geschichten, an den Protagonisten zu begeistern.

Seine Kaiser, Könige, Knechte und Beamten können nicht mit der Einprägsamkeit der Bösewichte, Luftgeister und Narren seines Lieblingsautors William Shakespeare mithalten. Dass sich seine Figuren oft ins Denken verlieren, dass sie liebend gern reflektieren und abwägend analysieren, fördert auch nicht ihre Eingängigkeit in einer Zeit, in der Schärfe, Ironie und Sarkasmus gefragt sind. Von Grillparzers Oeuvre wird noch am häufigsten "Medea" (so seit September 2021 im Theater in der Josefstadt) gespielt, die anderen Stücke sind derzeit aus den Spielplänen verschwunden.

Kafka als Vorleser

Franz Grillparzer gab es allerdings immer auch abseits des Theaters. Es lassen sich zahlreiche Beispiele anführen, wie stark und modern Grillparzer auf Schriftstellerkollegen wirkte und wirkt. Franz Kafka war einer seiner Fans. "Der arme Spielmann", den er fast auswendig kannte, spielte für den Prager Autor eine große Rolle. So vieles, was er aus der eigenen Existenz kannte, begegnete ihm in der Erzählung: die Verstoßung durch den harten Vater, die mangelnde Lebenstüchtigkeit, das Unverständnis der Umgebung, das Versagen in den Liebesbeziehungen, die Erlösung in der Kunst. Jakob, der bizarre Geiger, erschien ihm als Alter Ego.

Kafka schenkte den "Armen Spielmann" den Frauen, zu denen sich gerade eine Beziehung anbahnte. Quasi als Warnung, die das Scheitern der gerade beginnenden Liebe ankündigen sollte. Gespannt wartete er auf die Reaktionen, bot an, ihnen auch die Erzählung vorzulesen. An Grete Bloch: "Der ‚arme Spielmann‘ ist schön, nicht wahr? Ich erinnere mich, ihn einmal meiner jüngsten Schwester vorgelesen zu haben, wie ich niemals etwas vorgelesen habe. Ich war so davon ausgefüllt, dass für keinen Irrtum der Betonung, des Atems, des Klangs, des Mitgefühls, des Verständnisses Platz in mir gewesen wäre, es brach wirklich mit einer unmenschlichen Selbstverständlichkeit aus mir hervor, ich war über jedes Wort glücklich, das ich aussprach."

Das Grillparzer-Denkmal im Wiener Volksgarten. 
- © Georges Jansoone, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Das Grillparzer-Denkmal im Wiener Volksgarten.

- © Georges Jansoone, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Auch in der großen Liebesgeschichte mit Milena Jesenká war der "arme Spielmann" präsent. Gemeinsam wanderten sie zum Grillparzer-Denkmal im Wiener Volksgarten. Grillparzer hat "auf uns hinuntergesehen", so schrieb Kafka an Milena, "übertrieben herrlich bedankt durch die Tränen aus Deinen Augen".

Es gehört zu den Paradoxa der Rezeption heute, dass Grillparzers Prosawerke, meist von ihm selbst in den Nachlass verbannt, hoch im Kurs stehen, weil sie einen direkteren Einblick in die hochkomplexe Abgründigkeit seiner Psyche geben können. In der "Selbstbiographie", in den Tagebüchern und Reisebeschreibungen kommt die Person des Autors, die in den Dramen unter der dicken Schicht des Klassizismus begraben liegt, direkter und zeitnaher zum Vorschein. Allesamt zeigen sie einen zerrissenen, exzentrischen, wütenden, deprimierten, nur allzu oft unfreiwillig komischen Grillparzer, der sich trotz seines kometenhaften Aufstiegs zu einem erfolgreichen Theaterautor durchs Leben quälte. Erstaunlich, mit welcher Vehemenz er mit Zagen und Zaudern, mit Verstimmung und Verdruss das Werk der Selbstzerstörung betrieb.

Akkurater Beamter

Das betraf zum einen seine Lebensstelle. Als Bediensteter und schließlich Direktor des Hofkammerarchivs - ein Amt, das er bis zur Versetzung in den Ruhestand bekleidete - sah er sich als akkuraten Beamten; gleichzeitig war er todunglücklich verheddert in die habsburgische Bürokratie, niedergedrückt, dass ihn die Arbeit von seiner Passion, der Literatur, abschnitt. Mutlosigkeit hielt ihn zurück, das demütigende Wiener Pflaster zu verlassen und anderes zu wagen.

Inschrift am ehemaligen Hofkammerarchiv und jetzigen Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek in der Johannesgasse 6, 1010 Wien.
 
- © Peter Haas CC BY-SA 3.0, via wikimedia commons.

Inschrift am ehemaligen Hofkammerarchiv und jetzigen Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek in der Johannesgasse 6, 1010 Wien.

- © Peter Haas CC BY-SA 3.0, via wikimedia commons.

Zum anderen schaffte es Grillparzer, sein Liebesleben so zu gestalten, dass jede seiner Liebschaften zur Quälerei ausartete. Nach der Verlobung mit Kathi Fröhlich graute ihm vor der Vorstellung, dass sie unangemeldet in sein Zimmer kommen könnte. Immerhin konzedierte er der ewigen Braut, dass er sie "von allen Menschen am wenigsten hasst". Über dreißig Jahre lang wohnte er im fortgeschrittenen Alter, allerdings mit separatem Eingang, im Haus Spiegelgasse 21 mit Kathi Fröhlich und deren zwei Schwestern zusammen. Franz Kafka, nach dem Lesen einer Grillparzer-Biographie: "Dass sich in Wien ordentlich leiden lässt, das hat Grillparzer bewiesen."

Der Nachwelt gilt Grillparzer als "einer der unheimlichen Psychologen der deutschen Literatur" (Peter von Matt). Der Vater starb früh, die Mutter beging Selbstmord, die leidenschaftlichen Lieben endeten in Sackgassen - die Lebensverhältnisse formten ihn zum "Dichter der Enttäuschung" (E. W. Yates) und großen, hellsichtigen Frauenversteher.

Seinen Traumata verdanken wir faszinierende, packende Frauenfiguren. In den Dramen "Sappho", "Medea", "Die Jüdin von Toledo" und "Libussa" agieren Ehefrauen, Dichterinnen oder mythische Seherinnen, die extreme Gefühlslagen, existenzielle Gefährdungen und kulturelle Konflikte offenlegen. Während die einen in einen Geschlechterkampf bis zur bitteren Selbstzerstörung hineingeraten ("Medea"), fordert Libussa, die mythische Gründerin Prags, visionär und hochaktuell eine Zeitwende ein: "Der Mensch ist gut, er hat nur viel zu schaffen,/ Und wie er einzeln dies und das besorgt,/ Entgeht ihm der Zusammenhang des Ganzen".

Rund um den 200. Geburtstag, also in den 1990er Jahren, haben diese Frauenstücke auf den Bühnen ein aufsehenerregendes Comeback gefeiert. Theaterregisseure wie Thomas Langhoff und Martin Kusej, der gegenwärtige Burgtheaterdirektor, haben bei den Salzburger Festspielen mit Neuinszenierungen Furore gemacht und ließen alles, was mit Franz Grillparzer lange Zeit getrieben wurde, vergessen. Grillparzer wurde aus dem Käfig befreit, in den ihn das Burg- und Burgentheater (Forchtenstein) gesperrt hatten.

Denkmal seiner selbst

Die Risse und Abgründe, die Verunsicherungen und Ernüchterungen in den Texten, angeleitet durch Heinz Politzers Studie "Franz Grillparzer oder Das abgründige Biedermeier", rückten nun ins Zen-trum. Auch die Historiendramen verwandelten sich auf den Bühnen in einen Kommentar zur Gegenwart. "König Ottokars Glück und Ende", in der legendären Inszenierung Kusejs aus 2005, wurde plötzlich ganz anders gelesen: Die Machtübernahme der Habsburger und damit die Entstehung Österreichs erschien als blutiger Albtraum.

Kann man also Grillparzer noch spielen? Damals wurde eindringlich demonstriert: Man kann. Aber das Gelingen ist nicht immer garantiert. Der "komische Psycholog" (Franz Kafka), der sich ebenso eindringlich mit der Mechanik der Macht auseinandersetzte, lässt sich die Geheimnisse seiner Stücke nicht so leicht entreißen; das Rätselhafte, Vieldeutige und Sperrige gibt Lesern, Schauspielern, Regisseuren Aufgaben auf.

Grillparzer wurde schon zu Lebzeiten als Denkmal seiner selbst gehandelt, und er war nicht unschuldig dabei, dass er sich vereinnahmen ließ. Sein Loblied auf Feldmarschall Radetzky im Revolutionsjahr 1848 ("Glück auf, mein Feldherr, führe den Streich!") und weitere servile patriotische Gedichte qualifizierten ihn, dem die Zensur jahrzehntelang (bis zum Verstummen) zusetzte, zum schwarz-gelben Staatsdichter. Er wurde berühmt, er wurde öffentlich geehrt, mit Orden überhäuft, in die Akademie der Wissenschaften gleichermaßen wie ins Herrenhaus berufen und am Burgtheater als österreichischer Klassiker rauf und runter gespielt.

Mit Zagen und Zaudern, mit Verstimmung und Verdruss betrieb er das Werk der Selbstzerstörung: Franz Grillparzer auf einer weiteren Fotografie von Ludwig Angerer, 1861. 
- © gemeinfrei

Mit Zagen und Zaudern, mit Verstimmung und Verdruss betrieb er das Werk der Selbstzerstörung: Franz Grillparzer auf einer weiteren Fotografie von Ludwig Angerer, 1861.

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Der "Ottokar" wurde zu einem Weihespiel für die Dynastie ("Heil! Heil! - Hoch Österreich! - Habsburg für immer!"), sein Gesamtwerk zum Beweis einer spezifisch österreichischen Lebensform umgemodelt. Grillparzer bekam den Status eines Bannerträgers heimischer Identität, die Österreich eine spezifische Mission in Europa verschafft: Supranationalität, Ausgleich zwischen Ost und West, skeptischer Humanismus.

1955 wurde das Burgtheater auf Wunsch des ÖVP-Unterrichtsministers Heinrich Drimmel (die SPÖ hätte Goethes "Egmont" bevorzugt) mit "König Ottokars Glück und Ende" als vaterländische Revue wiedereröffnet, die Zuschauer konnten die Rede des Horneck, das vielzitierte Preislied auf Österreich ("Der klare Blick, der offne, richtge Sinn,/ Da tritt der Österreicher hin vor jeden,/ Denkt sich sein Teil und läßt die andern reden!"), als inoffizielle Staatshymne beklatschen. Franz Grillparzer als unser Klassiker, gleich neben Goethe und Schiller.

"Zweitklassiker"

Schon vor seinem Tod am 21. Jänner 1872 forderte Grillparzers literarische Inthronisierung manche Kritiker zum Widerspruch heraus; zwei Generationen später nahm sich Karl Kraus dieser Erstarrung und Konsakralisierung an und spöttelte über die Degenerierung "zum Klassiker für die reifere Jugend". Hans Weigel baute auf diesem Verdikt auf (im Sammelband "Flucht vor der Größe"), plädierte für eine Abwertung Grillparzers zum "Zweitklassiker" und saß gestreng über Grillparzers Sprache ("papierene Ebenheit") zu Gericht: "Es häufen sich die ungekonnten Stellen in sämtlichen Dramen Grillparzers derart, dass man fast an Absicht glauben muss."

Weigel stieß sich auch daran, dass Grillparzers Verhältnis zu Österreich viel zu eindimensional präsentiert wurde, dass man gut und gerne aus Grillparzer-Texten genauso gut eine antiösterreichische Anthologie zusammenstellen könnte ("Das ist der Fluch von unserem edlen Haus:/ Auf halben Wegen und zu halber Tat/ Mit halben Mitteln zauderhaft zu streben.")

Große Autoren brauchen Diskussion, halten Kritik und Disput aus. Streit hilft ihnen, während Gleichgültigkeit und Ignoranz als die schrecklichsten Reaktionen gelten können. Theateraufführungen können scheitern, aber eine Verbannung aus dem Repertoire, wie wir sie heute erleben, wirkt verhängnisvoll. Wo bleibt die Reibung? Man mag einwenden, dass Klassikern im Theater oft aus guten Gründen eine längere Pause verordnet wird, aus der sie überraschend, zur staunenden Begeisterung des Publikums, wieder zurückkommen.

Wie wird es Franz Grillparzer in Zukunft ergehen? Müssen wir uns sorgen, dass er, erst recht nach den Zumutungen der Theater-Lockdowns, im Keller des Vergessens versinkt?