Es scheint wie eine nie enden wollende Tragik, dass die Historienoper "Boris Godunow" von Modest Mussorgski bis heute einschneidende Bearbeitungen erfährt. An der Volksoper trägt daran allerdings Corona die Schuld: Nach mehreren abgesagten Terminen kam das Werk nicht in Peter Konwitschnys Regie zur Premiere, sondern am Samstag konzertant, in einer gut eineinhalbstündigen Kurzfassung ohne Kinderchor.

Konzertgemäß dominieren auf der Bühne schwarze und weiße Gewänder, lediglich ergänzt von dezenten Kleidern der drei Frauenrollen. Da fällt es schwer, sich in die Zeit der russischen Zaren einzufühlen. Es dominiert ein psychologisches Drama der Töne, nicht der Gesten. Wenn da nicht Marco Di Sapia wäre, der gekonnt aus dem Konzept ausbricht und seinem Part als Bettelmönch auch eine sichtbare Rolle gibt. Weitere Solisten verraten ihre Charaktere durch verschmitztes Mienenspiel. Von Albert Pesendorfer in der Titelrolle des Zaren wünscht man sich mehr Machtgehabe, ebenso von Vincent Schirrmacher als falschem Dimitri und Kontrahenten.

Dirigent Jac van Steen verleiht der Musik ein zauberhaftes Wechselspiel aus Leichtigkeit und Schwere und hat sowohl Orchester als auch Solisten im Griff. Folklore und Religiöses wird durch den Chor spürbar, der lediglich durch einen schleppenden Männereinsatz patzt. Alle Beteiligten dieses deutsch gesungenen "Boris" bestechen mit einer scharfen Sprachmelodik, die dem Russischen nicht nachsteht - besonders verdeutlicht von Bassbariton Yasushi Hirano, der kraftvoll und wohlklingend den Chronisten des Stücks gibt.