Besser spät als nie, meinte schon Titus Livius. Für Lucinda Childs’ Staatsopern-Debüt ist das zutreffend. Aber es hat auch ein wenig den schalen Geschmack des Fremdschämens: Musste diese Meisterchoreografin und bedeutende Vertreterin der Postmoderne 81 Jahre alt werden, um in der Staatsoper gesehen zu werden? Andere Wiener Tanzinstitutionen zeigte sich da in der Vergangenheit wesentlich innovativer: 2010 stand "Dance", eines ihrer bahnbrechenden Werke auf dem Programm des Tanzquartiers und beim Impulstanz-Festival war die Lucinda Childs Company im Jahr 2000 im Volkstheater zu Gast.

Nun, endlich auf der Bühne des Hauses am Ring angekommen, ist Childs "Concerto", von ihrer Kompagnie im Jahr 1993 uraufgeführt, der Höhepunkt es dreiteiligen Staatsballett-Abends "Liebeslieder", der am Wochenende Premiere hatte.

Minimalistische Repetition

Es ist eine stetige Repetition von Bewegungssequenzen in fließendem Richtungs- und Formationenwechsel. Und doch bleibt es trotz der Wiederholungen spannend, denn oftmals bricht jemand aus der Reihe aus, um sich in eine andere einzuordnen. Mantrahafte Monotonie wird somit aufgelöst. Das Ensemble des Wiener Staatsballetts - alle mit weiten schwarzen Hemden und Hosen bekleidet - zeigt sich in dieser minimalistischen Schleife zu Henryk Goreckis Konzert für Cembalo und Streicher auf Tonband sehr gut einstudiert. Das waren, wie nicht anders zu erwarten, auch Davide Dato und Hyo-Jung Kangs Auftritte im ersten Teil des Abends: "Other Dances" von Jerome Robbins entpuppt sich als entzückender Pas de trois. Zugegebener Maßen ist er eigentlich ein in Hellblau gehaltener, teils humoriger, Pas de deux. Doch Pianist Igor Zapravdin interpretiert Frédéric Chopins Mazurken und Walzer in perfekter Harmonie mit den Beiden. Robbins spielt choreografisch mit einer Verschmelzung von klassischer Balletttechnik und folkloristischem Bewegungsrepertoire der Mazurka, das auch besonders pittoreske Kopf-, Arm- und Oberkörperhaltungen zeigt. Davide Dato und Hyo-Jung Kang geben sich sichtlich der Freude am Tanzen hin, dazu demonstrieren sie ihre präzise Technik: Das Premierenpublikum dankte ungewöhnlich lautstark wie auch nach Childs "Concerto".

Claudine Schoch und Roman Lazik in "Liebeslieder Walzer" von George Balanchine. - © Ashley Taylor
Claudine Schoch und Roman Lazik in "Liebeslieder Walzer" von George Balanchine. - © Ashley Taylor

Das dritte und letzte Stück des Abends, George Balanchines "Liebeslieder Walzer", lässt sich wohl in die Kategorie "tanzhistorisch relevant" einordnen. Die Euphorie des Publikums über die zuvorgesehenen Stücke konnte das lyrische Werk aber nicht aufrecht erhalten. 1960 für das New York City Ballet kreiert, stand es von 1977 bis 1991 auf dem Spielplan der Staatsoper. Vier Paare erleben zu Johannes Brahms "Liebeslieder Walzer" und "Neue Liebeslieder" - singend begleitet von Johanna Wallroth, Stephanie Maitland, Hiroshi Amako und Ilja Kazakov des Opernstudios und den Pianisten Sarah Tysman und Stephen Hopkins - unterschiedliche Arten von Liebesbeziehungen walzend in einer Ballnacht in großer Robe und Frack. Trotz der grazilen Tänzerinnen und der charmanten Tänzer wie Maria Yakovleva mit Masayu Kimoto oder Elena Bottaro mit Denys Cherevychko bleibt der museale Anschein nach 30 Jahren Spielplanpause zu offensichtlich.