Ein den Bühnenraum dominierender und den Jahreszeitenwechsel anzeigender Baum, eine gelbe Hollywoodschaukel, Petticoats, Caprihosen und Nierentischchen: Jules Massenets "Werther" in Andrei Serbans Inszenierung, die das Geschehen in den 1950er Jahren ansiedelt, ist zurück an der Wiener Staatsoper. Erstmals sang Juan Diego Flórez die Rolle des tragischen Titelhelden. Das Wiener Publikum hat bereits eine Reihe an hochkarätigen Werthers und Charlotten gehört. Flórez, vor wenigen Tage 49 Jahre alt geworden, füllt die Figur mit sanfter Kraft aus. Im Handumdrehen veränderten seine Auftritte die Betriebstemperatur der jeweiligen Szenerie. Von Beginn an steht fest, dass dieser Mann wegen der Unerreichbarkeit seiner Angebeteten den Freitod wählen wird. Gefühlvoll, mit süßer Melancholie und herrlicher Höhe gestaltete der Tenor seine Rolle.

Die Charlotte von Clémentine Margaine besitzt hochdramatische Kraft, Wendigkeit und eine Prise Herbheit. Erquicklich und klar wie eine Gebirgsquelle bewegt sich der Sopran von Slávka Zámečníková (Sophie) durch das Drama. Der vierte im Bunde ist Charlottes Mann, Albert: Étienne Dupuis brachte diesen Charakter durch konzentrierte Präsenz und seinen sicher geführten Bariton nachhaltig zur Geltung.

Im Graben durchmaßen der gut gestaltende Giacomo Sagripanti und das leidenschaftlich (Konzertmeister- und Cellosoli!) aufspielende Orchester Jules Massenets verführerisch und raffiniert (Altsaxophon inklusive) gearbeitete Partitur. Große Empfehlung!