Ernst Jandl hat am Theater kein leichtes Spiel. Die Stücke von Wiens wohl bekanntestem Dichter, Schöpfer von unvergänglichen Poesiebuchstabendrehern ("werch ein illtum"), wurden und werden kaum gespielt. Dabei zählt Jandls einziges abendfüllendes Stück "Aus der Fremde" (1979) mithin zum Besten, was die Dramenliteratur des 20. Jahrhunderts zu bieten hat. Beleg dafür? Derzeit am Wiener Volkstheater: Im "humanistää!" überschriebenen Jandl-Abend bildet "Aus der Fremde" den erzählerischen Rahmen für eine schöne Fülle an Jandl-Texten.

Die Aufführung hebt mit Projektionen von Regieanweisungen aus "Aus der Fremde" an. Das Drama handelt von dem Dichterpaar Ernst Jandl und Friedericke Mayröcker, im Text als "er" und "sie" bezeichnet.

Jammermänner

Auf der Bühne sitzen einander zwei Schauspieler gegenüber, minutenlang, und zerschneiden ein imaginäres Stück Fleisch. Kein Wort. Stille. Die Bühne von Patricia Talacko korrespondiert mit Jandls Regieanweisungen: kahl, mit einem "gewissen Bürocharakter". Andreas Auerbachs Kostüme wiederum erinnern an die beiden berühmten Dichter Jandl und Mayröcker, wie man sie auf Fotografien der 1960er-Jahren kennt.

Die Akteure tragen Perücken und Masken, die sie austauschbar machen; folgerichtig wechseln nacheinander eine Reihe von Jandl- und Mayröcker-Darstellern am Tisch den Platz. Ihre Gestik und Mimik wirken gekünstelt, der Text dringt aus dem Off. Regisseurin Claudia Bauer greift auf Stilmittel zurück, die man aus den frühen Inszenierungen von Susanne Kennedy kennt: Die seltsam unpersönliche Darstellung passt punktgenau und verhakt sich hervorragend mit Jandls Text.

In "Aus der Fremde" sprechen die Figuren konsequent in der dritten Person, verwenden ausschließlich den Konjunktiv - als ob sich die Dialoge von der Wirklichkeit entfernt haben. "Aus der Fremde" berichtet auch von den destruktiven Seiten des Schriftstellerlebens, ein Dasein geprägt von Einsamkeit, Ängsten und Schlaflosigkeit, die mit Whisky kuriert wird.

Als Stück im Stück wird im Volkstheater der Einakter "die humanisten" (1976) gegeben, aus dem auch der titelgebende Schlachtruf "humanistää!" stammt. Julia Franz Richter stellt "m1" dar, einen Professor und "nobel preisen von witzelnschaffen" mit gepolstertem Wams und Schnauzbart, während Elias Eilinghoff "m2" ist, ein, so dichtet Jandl, "inder national nobel preisen kunstler" mit Langhaarperücke und Rockstar-Flair. Der pointenreiche Schlagabtausch der Kapazunder ist grandios-überdrehter Mansplaining-Wettkampf sowie satirische Eloge auf deutsches Geistesleben. An den Prototypen des gegenwärtig geschmähten "alten weißen Mannes" lässt Regisseurin Bauer kein gutes Haar. Jammermänner, zur Brachialkomik verdammt. Vielleicht trägt Bauer hier ein wenig dick auf, es funktioniert dennoch.

Dass Bauer auch leisere Töne anzuschlagen vermag, wird an diesem Abend beim "deutschen gedicht" (1957) deutlich. Samouil Stoyanov rezitiert den Text, in dem sich Jandl mit der heimischen NS-Vergangenheit auseinandersetzte. Stoyanov trägt diese so visionären wie beeindruckenden Zeilen schön-schlicht vor - und erzielt eine Konzentration, die der Abend sonst gezielt vermeidet.

Zwischen den großen Textelementen "Aus der Fremde", "die humanisten" und "deutsches gedicht" streut Bauer zusätzliche Jandl-Passagen ein. Begleitet von drei Musikern, entstehen szenische Miniaturen, die ganz auf Entertainment setzen. Viele der wunderbar melodiösen Jandl-Zeilen werden von Figuren in Fantasiekostümen gesungen - was an Herbert Fritsch erinnert ("Calypso"); sind die Jandl-Look-Alikes auf der Bühne zugange, kippt der Abend sanft ins Marthalerische.

"humanistää!" ergibt zwar kein abgerundetes Ganzes - vielmehr ein Feuerwerk an Mini-Dramen und Showdowns. Mittels eklektischen Zugriffs versucht Regisseurin Bauer, Jandls Idiom für die Bühne zu erwecken, so vielfältig wie theatertauglich. Jandl arbeitete sich mit Wiederholungen und Sinnverschiebungen an der Realität ab; auch die Regie setzt im Volkstheater auf Repetition und die daraus resultierenden Wahrnehmungsbrüche, was bisweilen einige Längen zur Folge hat. Dennoch bleibt "humanistää" ein Fest für Jandl, ein munteres Ringen um Form, ein großer Theaterspaß - und hoffentlich der Ausgangspunkt einer Jandl-Renaissance!