Effektvoller Auftakt: Mit "Zu Asche, zu Staub", dem Titelsong der Fernsehserie "Babylon Berlin" von Tom Tykwer, fängt der Theaterabend in der Josefstadt an. Sona MacDonald intoniert mit Verve den wuchtigen Soundtrack. Im Theaternebel wird ein kreisrundes, sich drehendes Gestell sichtbar, nacheinander erkennt man acht Schauspieler, allesamt mit Glatze und schillernden Kostümen ausgestattet.

Ein Karussell des Grauens. Schließlich steht Elfriede Jelineks "Rechnitz (Der Würgeengel)" am Spielplan. Die Nobelpreisträgerin bezieht sich in diesem Drama aus 2008 auf ein Massaker, das sich in den letzten Kriegstagen im burgenländischen Rechnitz ereignete. In der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 veranstaltete Gräfin Margit Batthyány, geborene Thyssen, auf ihrem Schloss ein sogenanntes Gefolgschaftsfest, eine Orgie, zu der auch lokale SS-Größen geladen waren. Gegen 23 Uhr verteilte Ortsgruppenführer Franz Podezin Waffen und forderte die Anwesenden zum Massenmord auf: 180 jüdische ungarische Zwangsarbeiter fielen dem Gemetzel zum Opfer. Anschließend wurde weitergefeiert. Zwei Tage später marschierte die Rote Armee im Burgenland ein. Der Tatort, Schloss Rechnitz, ging in Flammen auf, die Rädelsführer setzten sich ins Ausland ab.

Nach dem Krieg verschleppten sich die Prozesse aus Mangel an Beweisen, die Tat blieb ungestraft - das Massengrab wurde trotz anhaltender Suche bis heute nicht gefunden.

Mit assoziativen Satzkaskaden und anspielungsreichen Kalauern enthüllt die Autorin in "Rechnitz (Der Würgeengel)" den Umgang mit der NS-Vergangenheit, auch das geschwätzige Schweigen und pseudoreflektierte Schwadronieren zur Geschichte.

Stimmige Umsetzung

Regisseurin Anna Bergmann verteilt den rollenfreien Monolog auf acht Akteure. Sona MacDonald stellt in giftgrüner Abendrobe die Gräfin dar, bis auf einen fulminanten Schlussmonolog, hat MacDonald während der zweistündigen Aufführung kaum Text - grandios etwa ihr beredtes Schweigen vor dem Mikrofon, als sie als Gräfin um ein Statement zur Tat gebeten wird. Stattdessen ist MacDonald für die Gesangsdarbietungen zuständig, die sie mit Bravour meistert. Der meiste Text wird indes als Botenbericht dargeboten, von Figuren, die sich selbst als "Boten" bezeichnen und auch die Nachgeborenen nicht verschonen: "Ich weiß ja, dass sie von der Geschichte dieser schrecklichen Zeit geradezu hypnotisiert sind, sie interessieren sich ja für gar nichts anderes mehr, das sehe ich."

Im Gegensatz zum aufwühlenden Text inszeniert Regisseurin Anna Bergmann auffallend unaufgeregt. Die 43-Jährige bebildert den Text einfallsreich - von der Grillparty bis zum Grabschaufeln, von Sekt bis Bierdose - gelingen ihr weitgehend stimmige Umsetzungen, die den Text kolorieren, ohne ihn zu übertünchen. Eine solide Jelinek-Inszenierung, die einem einiges zumutet, ohne je zu viel zu werden.