Was die Aufgabe von Opernregie sei, darüber lässt sich streiten. Besonders in Wien. Den Regieanweisungen in der Partitur folgen, der Musik dienen, den Stoff ins Heute übersetzen, den zeitlosen Kern freilegen. Was sich Martin Kušej für seine jüngste Regiearbeit im Theater an der Wien vorgenommen hat? Er wolle "möglichst weit weg von der Konvention üblicher ,Tosca‘-Aufführungen", formulierte er vorab. Diese Zielsetzung, so viel lässt sich nach der Premiere am Dienstag sagen, hat der Burgtheater-Direktor voll und ganz erreicht. Dass das gelinde gesagt radikale Brechen mit Sehgewohnheiten alleine nicht reicht, durfte Kušej beim Schlussapplaus erfahren, der zum Buhorkan geriet.

Assoziationen frei nach Puccini, so ließe sich diese "Tosca" szenisch wohl am ehesten einordnen. Die Regie hat - für Opernverhältnisse recht deutlich - ins Stück eingegriffen, Figuren zusammengelegt und ergänzt, Handlungsstränge erweitert und Fakten im Libretto dem Setting einfach passend gemacht, sprich umgetextet. Das ließe sich an sich argumentieren, wenn daraus ein Mehrwert entstünde, sich neue Erkenntnisse auftäten oder verborgene Strukturen freigelegt würden. Bei Kušej bleibt all das im Konjunktiv. Seine drastische Lesart entfaltet nicht die Kraft, um gegen Sehgewohnheiten zu bestehen.

Kurzes Glück im Schnee-Idyll mit blutendem Torso und abgetrennten Gliedmaßen: Kristine Opolais als Floria Tosca und Jonathan Tetelman als Mario Cavaradossi. 
- © Theater an der Wien / Monika Rittershaus

Kurzes Glück im Schnee-Idyll mit blutendem Torso und abgetrennten Gliedmaßen: Kristine Opolais als Floria Tosca und Jonathan Tetelman als Mario Cavaradossi.

- © Theater an der Wien / Monika Rittershaus

Die Bilder, die Kušej verwendet, bleiben plakativ. Gesellschaftliche Kälte wird zum omnipräsenten Schneesturm, die Brutalität der Machthaber ist durch blutige Leiber und abgeschlagene Körperteile umgesetzt. Dem mitspielenden Hund wird kein Stöckchen geworfen, sondern ein Unterarm. Natürlich finden sich Grauen und Gewalt in Giacomo Puccinis Partitur. Sie szenisch einfach zu doppeln, ja zu überzeichnen, bewirkt jedoch keine Verstärkung, es stumpft vielmehr ab, lebt diese Oper doch (auch) von dem Kontrast zwischen Kirche und Kunst auf der einen und brutaler Folter auf der anderen Seite. Kušejs Setting erweist sich so als nur oberflächlich radikal und plump - anstatt neue Tiefenschichten aufzustoßen. Seine Bilder erzeugen mehr Distanz als Dringlichkeit.

Palazzo Wohnwagen: Scarpia (Gábor Bretz) mit Wein vor Kruzifix und Lagerfeuer. - © Theater an der Wien / Monika Rittershaus
Palazzo Wohnwagen: Scarpia (Gábor Bretz) mit Wein vor Kruzifix und Lagerfeuer. - © Theater an der Wien / Monika Rittershaus

Intensives Kammerspiel

Was Kušej präzise zeichnet, ist das Dreieck zwischen Tosca, ihrem Geliebten Cavaradossi und Bösewicht Scarpia. Es wird zum intensiven Kammerspiel, besser gesagt zum Wohnwagen-Spiel. Die schauspielerische Dichte mancher Szenen ist beeindruckend - bis eine dramaturgische Unlogik dazwischenkreuzt. Dass die Figur des Scarpia den Regisseur besonders interessiert hat, merkt man. Im cremefarbenen Dreiteiler mit opulentem Pelzmantel zeichnet Kušej ihn als vordergründig milden, genüsslich zurückgelehnt auf sein verbales Gift setzenden Strategen. Gábor Bretz wird dieser Lesart nicht nur szenisch absolut gerecht, sein eher schlanker und bei aller Präsenz hell timbrierter Bass verstärkt diese vordergründig helle, letztlich abgründige Lieblichkeit noch.

Showdown als Kammerspiel, klassisch mit Messer: Tosca (Kristine Opolais) tötet Scarpia (Gábor Bretz). - © Theater an der Wien / Monika Rittershaus
Showdown als Kammerspiel, klassisch mit Messer: Tosca (Kristine Opolais) tötet Scarpia (Gábor Bretz). - © Theater an der Wien / Monika Rittershaus

Die Tosca von Kristine Opolais kann sich nach einem blassen Beginn steigern, findet jedoch erst in der Dramatik zu stimmlicher Kraft. Tosca mehr als Dirne denn als Diva zu zeichnen, gar als Scarpias derbe Verführerin, bricht mit der Logik des Stückes. Dass sie im Finale kindlich fröhlich einen Schneeengel zeichnet, ist ein zumindest humorvolles Zitat der Engelsburg. Jonathan Tetelman als Mario Cavaradossi könnte eine echte Entdeckung werden - dafür muss er seinen angenehm dunklen, satten und herrlich kraftvollen Tenor lediglich etwas zügeln. Stimmlich sind die beiden jedenfalls kein ausgewogenes Paar - was ins musikalische Gesamtbild passt. Denn: Mit Hörgewohnheiten zu brechen, darum ging es auch im Orchestergraben.

Schneetreiben dominiert die gleißend weiße Bühne von Annette Murschetz. - © Theater an der Wien / Monika Rittershaus
Schneetreiben dominiert die gleißend weiße Bühne von Annette Murschetz. - © Theater an der Wien / Monika Rittershaus

Marc Albrecht versuchte vom ersten Ton, der Partitur alle Lieblichkeit auszutreiben, was dem Abend musikalisch eine gewisse Brüchigkeit und Unausgewogenheit einbrachte. Dass Albrecht das Dirigat am Pult des Radio-Symphonieorchesters Wien erst knapp vor der Premiere vom erkrankten Ingo Metzmacher übernommen hatte, verstärkte die Unausgegorenheit wohl deutlich.