Im Figurentheater erwecken wir tote Gegenstände zum Leben. In der virtuellen Realität nehmen wir statt den Puppen Pixel und hauchen ihnen neues Leben ein", zieht Simon Meusburger bei der Pressekonferenz zum "Future Lab" Parallelen. Ab Februar beginnen im Schubert Theater neue Zeiten: Mit zwei hochkarätig besetzen Gesprächsrunden und neuen Inszenierungen, die erstmals in den digitalen Raum verlegt werden, erkundet die beschauliche Puppenbühne in Wien-Alsergrund digitale Zukunftsperspektiven.

"Die Magie der Puppe überträgt sich gut in den 3D-Raum", zeigt sich Impresario Meusburger vom Erfolg des Projekts überzeugt. Tatsächlich liebäugelt das Figurentheater seit jeher mit neuen technischen Möglichkeiten. Auch bei den Anfängen der Fotografie und des Films waren Objektkünstler vorne mit dabei. Gegenwärtig wird das Feld der digitalen und virtuellen Puppen vor allem der Unterhaltungsindustrie überlassen - etwa im Gaming-Bereich oder in den großen Animationsstudios von Disney und Co.

Neues Genre

Die Stücke, die im Rahmen von "Future Lab" gezeigt werden, wollen nun den Beweis antreten, wie gut sich neue Technologien mit dem uralten Handwerk des Figurentheaters vereinbaren lassen.

Mit der Online-Serie "Ein Würstelstand auf Weltreise" wird ab 3. Februar in vorerst fünf Folgen die Ur-Wienerin Resi Resch rund um den Globus geschickt. Die Puppe reist virtuell, die Puppenspielerin bleibt hinter der Blue-Screen verborgen.

Beim "Projekt Pinocchio" hat die Künstliche Intelligenz mitgeschrieben, etwa 70 Prozent des Stücktextes stammt von einem Computerprogramm. Das Match Carlo Collodi, der Erfinder des Pinocchio, versus das neuronale Netzwerk GPT-2, ist am 27. und 28. Februar zu erleben. Programmierte Höhepunkte dürften auch die beiden Online-Gastspiele von Cosmea Spelleken sein: "werther.live" und "möwe.live" - von 4. bis 7. Februar.

Noch einen Schritt weiter geht das Schubert Theater mit "MAY.be.2.0" (ab 2. Februar): Die Aufführung existiert ausschließlich im virtuellen Raum. Die Plattform Mozilla Hubs hat die Bühnenräume entwickelt, das Publikum kann, ausgehend vom virtuellen Theaterfoyer, diverse Online-Spielorte erkunden, sogar eine Begegnung mit Platons Schattengleichnis wird versprochen.

Es sind vor allem solche neuen Erfahrungen, die Johanna Pirker von der TU Graz beim Online-Theater interessieren. "Gerade im Bereich Virtual Reality besteht eine große Nähe zum Theater", so die Informatikerin mit Forschungsschwerpunkt Gaming. Pirker war bei der Pressekonferenz zugeschaltet. "Das Theater hat jahrhundertelange Expertise, wenn es darum geht, die Aufmerksamkeit des Publikums zu fokussieren. Bei einer 360 Grad VR-Erfahrung stehen Theater und Gaming vor ähnlichen Herausforderungen. Daher sehe ich in der Kooperation ein großes Potenzial", sagt die Hedy-Lamarr-Preisträgerin. Pirker wird beim ersten Future Talk zur "Zukunft des Theaters" am 17. Februar am Podium mitdiskutieren.

Ulrike Kuner, Chefin der IG freie Theater, sieht im Digitalen "neue Freiräume für künstlerische Formate", aber auch "neue Perspektiven für das Publikum". Voraussetzung dafür seien gezielte Projektförderungen und Weiterbildung in Sachen Technik.

Ein Gutes mag die Pandemie und die Zwangspause der Theater womöglich haben: Ein neues Genre entfaltet sich.