Als wäre die Wiener Staatsoper nach Sankt Petersburg transferiert worden oder - anders gesehen - als absolviere das Mariinski Theater hierzulande ein Gastspiel: So lautet der erste Gedanke beim Anblick des Besetzungszettels am vergangenen Freitag, als Peter Iljitsch Tschaikowskis "Pique Dame" unter der Leitung von Valery Gergiev mit einer gänzlich russischen Besetzung in den wesentlichen Partien erklang.

Steigerung nach der Pause

Das Haus am Ring hat Vera Nemirovas Inszenierung aus dem Jahr 2007 wiederaufgenommen. In Johannes Leiackers praktikablem Bühnenraum mit breitem Treppenaufgang, hohen Palaisfenstern und Glaserker konnte die Tragödie bis zur Pause nur mäßig fesseln. Der imposante Auftritt von Olga Borodina als Gräfin, "Pique Dame" genannt, mit dunklem Mezzo, der in geheimnisvolle Tiefen hinabzusteigen vermag, brachte die Wende. Drei, Sieben, Ass - die drei unfehlbaren Karten. Plötzlich herrschten Spannung, Stringenz und Verbindlichkeit.

Schönste Stimme des Abends: Alexey Markov als Tomski. 
- © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Schönste Stimme des Abends: Alexey Markov als Tomski.

- © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Dmitry Golovnin zeigte einen wild getriebenen Hermann mit unerschöpflichen stimmlichen Kraftreserven. Seine Küsse wirken wie Bisse. Elena Guseva präsentierte eine leidenschaftliche Lisa; beachtlich Boris Pinkhasovich als Jeletzki. Einen starken Eindruck hinterließ Alexey Markov als Tomski: Seine Stimme war die schönste an diesem Abend. Auch der Tschekalinski von Robert Bartneck und der beherzt agierende Chor seien erwähnt.

Für Valery Gergiev ist "Pique Dame" ein Heimspiel, dennoch: Die Folgevorstellungen werden vermutlich eine bessere Abstimmung zwischen Bühne und Orchester bringen und wohl weniger die vorgegebene 22-Uhr-Sperrstunde ausreizen.