Nach fünf Corona-Verschiebungen hat man sich den Werbeslogan gut eingeprägt: "Miss Saigon", so prangt es auf den Plakaten der Vereinigten Bühnen Wien, sei "die bewegendste Liebesgeschichte unserer Zeit". Das ist schon eine etwas verwegene Zuschreibung für ein Drama, das im letzten Jahr des Vietnamkriegs, sprich 1975, angesiedelt ist. Wer damals schon auf Erden weilte, erinnert sich: Der Bundeskanzler hieß Bruno Kreisky, auf dem Fernseher thronte ein heikles Ärgernis namens Antenne, die Telefone konnten, wenn überhaupt (Viertelanschluss!), nur telefonieren, und die Neuheit der Eissaison hieß Schoko-Brickerl und kostete zwei Schilling. Schnäppchen-Schnee einer Welt von gestern!

Musik ohne Hand und Fuß

Nun ist ein Abstand von knapp 50 Jahren aber natürlich kein Grund, eine Geschichte abzulehnen, und "Miss Saigon" erzählt eine ebenso süffige Liebestragödie wie ein gut abgehangener Opernschinken, genauer gesagt eine ziemlich ähnliche wie Giacomo Puccinis "Madama Butterfly", mit dem dieses Musical auch die Vorlage teilt ("Madame Chrysanthème" von Pierre Loti): Der US-Soldat Chris verliert sein goldenes Herz im Bordell an eine unschuldige Landschönheit und heiratet diese Kim vom Fleck weg, muss aber jäh das Land verlassen. Dass die flüchtige Liebe einen Sohn gezeitigt hat, erfährt er erst, nachdem er in den USA in den Ehehafen eingelaufen ist. Was tun? Der immer noch goldherzige, aber überforderte Chris fliegt samt Gattin nach Thailand, wohin seine Jugendliebe geflohen ist, und schlägt der Schicksalsgebeutelten eine Lösung nach dem Modell der "Hilfe vor Ort" vor: Kim soll Geldsendungen erhalten, das Kind aber bei sich großziehen. Die Frau empfindet das eher als Hohn denn als Handreichung und löst das Problem radikal: Sie entleibt sich, um dem Sohn den Weg ins gelobte Land zu ebnen.

Starker Tobak, den Claude-Michel Schönberg in den späten 80er Jahren vertont hat und dabei ebenso im Orchesterbombast schwelgte wie beim Welterfolg "Les Misérables". Das Problem von "Miss Saigon", die am Sonntag nun endlich im generalsanierten Raimund Theater zur Premiere gelangte, ist aber nicht das Breitwandklangbild (wobei die Orchestrierung von William David Brohn stammt) und auch nicht das effektsichere Libretto (Alain Boublil), sondern die Partitur selbst.

Schönberg, nicht zu verwechseln mit seinem zwölftönenden Namenskollegen Arnold, neigt zu Balladen von der Beliebigkeit eines Song-Contest-Beitrags. Der Franzose paart Floskelmelodien mit ranzigen Harmoniefolgen und bleibt dieser Ideenarmut im Rahmen einer Notenflut treu, die Song an Song und Duett an Ensemble reiht. Warum nicht einmaleine Dialogminute? Nein, schon säuselt wieder eine Blaupausenkantilene oder rumort eine Powerballade, die unter einer anderen Schreiberhand "We Are The World" hätte werden können. Nur die Songs des Zuhälters, des "Engineer", liefern einen Niveaunachweis, denn die Auftritte dieses Zynikers zitieren bewusst (!) musikalische Gemeinplätze und verformen sie grotesk - am gelungensten in der Swingnummer vom "American Dream" mit einem dekadenten Blickfutter samt Luxusschlitten und Nippelquaste. Christian Rey Marbella, Bühnenschlitzohr und einziges Gegengift zur unentwegten Schmalz-Ausschüttung, fasst dafür zurecht Szenenapplaus aus.

Spitzentechnik für Mittelmäßiges

Dass "Miss Saigon" (in der Übersetzung von Michael Kunze) auch sonst exzellent produziert ist, mutet zwiespältig an. Verdient eine Partitur aus der kreativen Fliegengewichtsklasse tatsächlich eine solche Bombastik (Regie: Laurence Connor)? Anderseits: Damit hält die international erprobte Produktion zumindest das Auge auf Trab. Die Opulenz der Bilder, vom Puffwelt-Panoptikum bis zum Kommunistenparteitag, gipfelt in einer Traumszene mit filmrealistischen Schauplatzwechseln in Sekundenrasanz samt lärmigem Helikopter-Einsatz. Wäre dies alles noch dadurch getoppt worden, dass das Raimund Theater sein Dach geöffnet, Laserstrahlen gespien und den Hubschrauber in die Nacht hätte entschweben lassen, es hätte keinen mehr gewundert. Zudem meistern Vanessa Heinz, eine Kim zwischen hauchigem Hascherl und zorniger Löwenmutter, Oedo Kuipers (Chris), Abla Alaoui (Ellen) und Gino Emnes (John) ihre Rollen mit jenem gepressten Süßgesang, der im Genre als Goldstandard gilt, und werden vom VBW-Orchester unter Herbert Pichler wuchtig begleitet; selbst der Premierenbeifall tönt letztendlich pompös. Ein Nachweis für die Größe und Nichtigkeit des Musicals.