Im jungen Alter von 22 Jahren begann er bereits zu choreografieren. Heute, mit 35, ist er längst ein international gefragter Choreograf: Andrey Kaydanovskiy kreierte - abgesehen für das Wiener Staatsballett, dem er seit 2007 als Tänzer angehört - Stücke etwa für das Bolschoi-Ballett oder das Ballett am Rhein. 2020 wurde er für sein raffiniertes Kriminalballett "Cecil Hotel" für den Prix Benois de la Danse, dem Oscar der Tanzwelt, nominiert. Seine Werke zeichnen sich durch intelligente und bis ins Detail durchdachte Dramaturgie, Musikeinsatz und viel Humor aus. Am 2. Februar wird im Rahmen des Ballettabends "Begegnungen" sein Werk "lux umbra" in der Volksoper uraufgeführt. Kaydanovskiy erzählt über seine Arbeit mit zeitgenössischen Komponisten und die Auseinandersetzung mit seinen Schwächen.

"Wiener Zeitung": Der Titel Ihres jüngsten Stücks "lux umbra" wurde erst eine Woche vor der Premiere bekanntgegeben. Haben Sie mit einem passenden Titel gehadert?

Andrey Kaydanovskiy: Der Gedanke dahinter war, dass ich ein abstraktes Stück machen wollte und ich mich thematisch eben auch mit Licht und Schatten auseinandersetze. An diesem Abend bin ich zwischen zwei abstrakten Choreografen programmiert, und ich dachte mir, dass hier ein abstraktes Stück gut hineinpassen würde. Aber ganz ehrlich, den Titel "Licht und Schatten" kann man nicht mehr hören. Deshalb auf Latein.

Rebecca Horner und Lourenço Ferreira vom Wiener Staatsballett im Spiel zwischen Licht und Schatten. 
- © Wiener Staatsballett / Michael Pöhn

Rebecca Horner und Lourenço Ferreira vom Wiener Staatsballett im Spiel zwischen Licht und Schatten.

- © Wiener Staatsballett / Michael Pöhn

Wir führten in der Vergangenheit Interviews zu Ihren damaligen Stücken, die Handlungsballette waren. Jetzt kreierten Sie ein abstraktes Ballett, obwohl Sie damals meinten, dass tanzende Körper ohne Geschichte langweilig wären.

Das denke ich immer noch (lacht). Aber: Wieso nicht?

Die Musik zu "lux umbra" ist vom österreichischen Musiker und Komponisten Christof Dienz. Eine Neukomposition?

Es ist ein Auftragswerk. Es ist dringend notwendig, dass Theater Musik produziert. Ich habe schon mit mehreren Komponisten zusammengearbeitet und die kreative Phase ganz zu Beginn der Entstehung eines Stücks, ist jedes Mal unterschiedlich. So wie mit Lorenz Dangel etwa: Wir erarbeiteten jede einzelne Szene des Handlungsballetts "Der Schneesturm" bis ins Detail. Das Stück war sozusagen schon fertig durchdacht, als ich mit der Choreografie für das Bayerische Staatsballett begann. Dieses Mal wollte ich es umgekehrt angehen: Ich habe Dienz meine Ideen erzählt und wir haben uns dann auf eine Form geeinigt. Und das Ergebnis war genau das, was ich mir vorgestellt hatte. Ich finde großartig, was er komponiert hat.

Sie sind Hauschoreograf für das Bayerische Staatsballett, sind Halbsolist und Choreograf beim Wiener Staatsballett und kreieren Werke für etliche renommierte Tanzensembles. Ihre Familie lebt in Wien. Wie viele Stunden hat Ihr Tag?

Viel zu wenige. Ehrlich gesagt, geht sich das alles nicht mehr aus. Es ist meine letzte Saison hier in Wien, ab September werde ich "nur" mehr als Choreograf unterwegs sein.

Wird es weitere Projekte für das Wiener Staatsballett geben?

Das hängt nicht von mir ab. Geplant ist noch nichts. Ich werde auch in München nicht sitzenbleiben, denn sonst werden die Menschen müde von mir. Wenn es passt, dann passt’s.

Andrey Kaydanovskiy. - © Andreas Jakwerth
Andrey Kaydanovskiy. - © Andreas Jakwerth

Sie haben 2009 zu choreografieren begonnen. Können Sie eine gewisse Entwicklung in Ihrer Arbeit erkennen?

Man lernt natürlich von Stück zu Stück dazu. Jedes neue Stück ist eine technische Übung, eine Auseinandersetzung mit meinen Schwächen. Was gelingt noch nicht? Was muss ich ausprobieren? Was war noch nicht da? Ich bin jetzt in einer Phase, in der ich immer mehr Möglichkeiten bekomme, größere Stücke zu produzieren mit heutigen Komponisten.

Man hat den Eindruck, es geht Ihnen um die Gesamtheit des Stücks und nicht vorrangig um den Tanz. Ist das so?

Ja, absolut. Ich choreografiere im Theater und nicht im Saal oder auf der Straße. Ein Stück ist mehr als Choreografie. Ohne Grund bewegt man sich nicht.

Welche Zukunftswünsche haben Sie?

Für mich persönlich wünsche ich mir Zeit und Glück. Ansonsten wünsche ich mir, dass wir nicht so viel Zeit im Museum verbringen, sondern versuchen, etwas im Heute zu produzieren, das die zukünftigen Generationen zu den Klassikern zählen werden.