"Wagalaweia wallala weiala weia" ist kein dadaistisches Gedicht, sondern der Auftakt des vierteiligen Musikdramas "Der Ring des Nibelungen" von Richard Wagner - und so ziemlich das einzige Original-Zitat, das neben dem Titel in die Neudeutung von Regisseur Christopher Rüping und Autor Necati Öziri Eingang fand. Musik, Handlung und Figuren erleben bei der Uraufführung im Zürcher Schauspielhaus indes eine drastische Re-Lektüre. Der 33-jährige deutsch-türkische Dramatiker kündigte im Programmheft eine "Korrektur" des Klassikers an: Das Ergebnis ist eine gründliche Wagner-Demontage unter Vorzeichen gängiger Identitätsdebatten.

Maja Beckmann. - © S. Boesch
Maja Beckmann. - © S. Boesch

Und siehe da! Der "Ring", ein Monument deutschen Kunstschaffens, dessen Bedeutung über die Musikwelt weit hinausweist, eignet sich hervorragend für das Projekt, das Regisseur und Autor an diesem Theaterabend verfolgen: Zu Wort kommt etwa die "Armee der Anderen", wie es im Prolog heißt - mit dem erklärten Ziel, eine neue Art von Gemeinschaft zu bilden, das Bühnenplädoyer für eine offenere Gesellschaft.

Als erster Spieler betritt Autor Öziri selbst die weitgehend leer geräumte Bühne; er erzählt von seiner Herkunft aus bildungsferner migrantischer Familie und bringt dabei die sogenannte Klassismus-Debatte ins Spiel: Ist Wagner nur etwas für "People of Oper", so die Wortschöpfung à la Öziri, angelehnt an "People of Color"? Was ist mit jenen, die beim Namen Wagner an Tiefkühlpizza denken?

Die inhaltliche Marschrichtung ist gesetzt. Nacheinander treten einzelne Figuren aus dem "Ring" an die Rampe, halten Monologe, die Motive aus Wagners "Ring" mit aktuellen Diskurs-Aspekten verweben. Brünhilde (Wiebke Mollenhauer) tritt auf den Plan. Sie spricht sich gegen die binäre Geschlechtertrennung aus; sie selbst, so die Walküre, wäre der bessere Drachentöter gewesen, stärker und smarter als Siegfried. Die Riesen, bei Wagner bestenfalls Nebenfiguren, spielen hier eine Hauptrolle, dargestellt von Benjamin Lillie und Stefen Sowah verleihen sie Migrantenkindern der zweiten Generation eine Stimme: In einer heftigen Rede klagt das Duo die Ausbeutung billiger Arbeitskräfte an, denen eine faire Teilhabe an der Gesellschaft verwehrt blieb.

Einer der Höhepunkte ist der Auftritt Maja Beckmanns als Fricka, Wotans Frau, die über das Los kinderloser Frauen mittleren Alters spricht. Sexismus, Rassismus und Klassismus. Zu guter Letzt greift Wotan selbst ins Geschehen ein, der personifizierte "alte, weiße Mann", verkörpert von Matthias Neukirch: Wotan hebt zu einer furiosen Rechtfertigung der Ordnung an, umkreist einige Leerstellen der Identitätspolitik. Irgendwann kippt seine flammende Rede in die Satire: "Wotan ist müde."

Hip-Hop statt Wagner

Autor Öziri reiht in seinem Bühnentext geschickt eine Debatte an die nächste, Regisseur Rüping quittiert die Denkangebote mit inszenatorischem Langmut.

Im Grunde passiert so gut wie nichts auf der Bühne: Ein Monolog folgt auf den nächsten, als Kitt fungiert die Musik von Black Cracker, der im Verbund mit acht Musikern einen ziemlich eklektischen Hip-Hop-Sound fabrizierte, der sich von Wagners Kompositionen denkbar weit entfernt. Die szenische Verweigerungshaltung dürfte Programm sein, um das Theater als Ort der Versammlung und der Debatte wieder zu beleben. Mehr Ernst, weniger Spiel! Die Absicht mag durchaus löblich sein - für die Dauer von vier Stunden erweist sich das Vorhaben allerdings auch als ziemliche Geduldsprobe.

Die Aufführung gerät immer wieder ins Stocken, hat erhebliche Durchhänger, driftet gegen Ende, nach Wotans Abgang, ins geradezu Märchenhafte ab: Die Geschichte vom Waldvogel und vom Drachen, die von Toleranz handelt, gerät entschieden zu bieder. Die Schlussszene, bei der dem Publikum von der Bühne herab Kerzen ausgehändigt werden, nimmt beinahe religiöse Züge an. Ach, wäre es nur bei der fröhlichen Wagner-Demontage geblieben.