Kein Castorf ohne Live-Video und Dosenbier. Nach eineinhalb eher zähen Stunden zerreißt Schauspielerin Julia Kreusch ein Gebirge aus Papier, das bislang erstaunlich unberührt auf der Bühne (Aleksandar Denić) herumstand. Sie kriecht hinein, eine Kamera fängt ihren erschöpften Blick und ihr zerzaustes Haar ein. Atemlos erzählt sie in Großaufnahme auf einer Leinwand von einer verflossenen Liebe, findet einen Kühlschrank. Und öffnet ein XL-Dosenbier.

Prost! Endlich kommt ein wenig Castorf-Stimmung auf, so wie wir sie kennen und lieben, an einem seltsam verwehten Abend im Landestheater St. Pölten. Die Akteure spielen sich frei vom Text, improvisieren. "Du erinnerst mich an meine große Liebe", haucht Kreusch - und bietet ihrem Schauspielkollegen Sebastian Schimböck ein Bier an. Der erwidert ernüchtert: "Mensch Julia, ich hasse doch Alkohol. Und das war nicht ich, das war Stefan aus der Bierbrauerei." Ein Pingpong aus Pathos und Kalauer, hohem Ton und erdigen Antwort. So geht Castorf. Aber leider an diesem Abend viel zu selten.

Aus der Zeit gefallen

"Schwarzes Meer" nennt sich die Uraufführung von Irina Kastrinidis’ lyrischem Monolog, der seltsam aus der Zeit gefallen wirkt. Die Schauspielerin und Autorin vermischt da Homers "Odyssee" und die Argonautensage mit ihrer eigenen tragischen Familiengeschichte.

Die Verfolgung, Deportation und massenhafte Tötung der Pontos-Griechen im griechisch­-türkischen Krieg, die ursprünglich von den südlichen Küsten des Schwarzen Meeres kommen, wäre in der Tat ein spannendes Thema. Die Zahl der Opfer ist mit rund 350.000 bemessen, die Forschung diskutiert, ob es sich um einen Völkermord handelt.

Aber Kastrinidis deutet mehr an, als dass sie konkret erzählt. Ihr Text trieft vor Pathos, ist hochgestochen und doch relativ hohl. Sie ist verliebt in Formulierungen, springt zwischen den Orten - Paris, Athen, Berlin, Zürich -, zwischen Schauspielalltag der weiblichen Hauptfigur, die biografische Züge trägt, aktueller Pandemie und einer Liebesgeschichte zwischen Achilleas und Eleftheria, einer Schriftstellerin, die sich für die Recherche zu einem Romanprojekt auf Spurensuche nach ihrer griechischen Herkunft begibt.

Aber wie ist dieses Projekt überhaupt zustande gekommen? Die Legende geht so: Schauspielerin Julia Kreusch hat sich in den Monolog verliebt, und den Text der St. Pöltner Intendantin Marie Rötzer vorgeschlagen. Dann wurde Castorf gefragt, ob er die Regie übernehmen wolle. Irina Kastrinidis ist eine ehemalige Lebensgefährtin des Berliner Regisseurs, er hat mit ihr einen zwölfjährigen Sohn, Mikis, der in St. Pölten ebenfalls auf der Bühne steht. Family Business also.

Über lange Strecken hält sich Castorf erstaunlich chronologisch an die Vorlage, lässt Kreusch mit viel Pathos deklamieren, Wein und Wodka saufen, ihren Kopf in einen Eimer voller Wasser stecken, wie eine Ziege blöken, während eine echte Ziege namens Peter neben ihr gelassen ihre Leckerlis kaut. Castorf müht sich redlich, dem blutleeren Monolog eine belebende Transfusion zu verpassen. Mikis wird in eine Papierrolle gewickelt und läuft dann als sprechende Statue herum. Castorf lässt als Gag die Autorin anrufen, die sich erkundigt, wie es denn läuft bei der Uraufführung. Von Jane Birkin und Serge Gainsbourg läuft "Je t’aime . . . moi non plus", Sirtaki wird getanzt. Insiderjokes gibt es auch: "Mein Papa ist 98. Dafür sieht er ja noch ganz gut aus", sagt der Castorf-Sohn über seinen 70-jährigen Vater. Und einmal schmettert Kreusch ins Publikum: "Wenn es keinen Sinn macht, warum dauert das dann so lange?"

Genau! "Schwarzes Meer" ist ein zäher Abend, der erst gegen Ende Fahrt aufnimmt. Castorf fügt Fremdtexte ein über Kriege in Ruanda und Afghanistan, über zerhackte Leichen, die am Straßenland liegen und Kinderhandel. Diese Erdung tut dem Geschwurbel gut zu erzählen, worum es konkret geht bei einem Genozid. Kreusch wird ruhiger, eine schöne Erschöpfung macht sich breit. Das letzte Wort hat der Kasperl. Eine Handpuppe, die seufzt.