Ein junger Mann will Selbstmord begehen. Als er schon auf dem Fenstersims steht, um in die Tiefe zu springen, hört er eine Stimme: "Halt". Erst will er den Mahner ignorieren, doch dann erzählt er seine Geschichte: vom missbrauchten, misshandelten Kind bis zum vereinsamten drogensüchtigen Transvestiten und Prostituierten. Freilich, die "Stimme der Vernunft" kann sich nicht mehr durchsetzen. Sie kommt zu spät.

"Charlie" nennt sich das Musical, das jetzt im Kabarett Stadnikow uraufgeführt wurde. Zugrunde liegt dieser Fassung von Mark Janicello ein Stück von Rolf Rettberg, dem in Bremen geborenen Sozialwissenschafter, Schriftsteller und Journalisten, der eine Zeit lang auch als Streetworker tätig war. Seine Hauptfigur war ein ostdeutscher Transvestit, der im Westen nach Erfolg und Identität sucht. Nach einigem Zögern gab Rettberg die Einwilligung zur Neufassung und wirkte selbst als Übersetzer und Liedtexter. Bela Fischer zeichnet für die zahlreichen Musiknummern.

Leider wurde hier die Grundidee, die Suche des Menschen nach einem Leben in Freiheit und Würde, ein wenig mit Details überfrachtet. Mark Janicello ist zwar mit vollem darstellerischen Einsatz darum bemüht, dem Publikum die Tragödie eines Menschen, der immer nur "benutzt" wurde, nahe zu bringen, doch im Endeffekt überwiegen die stimmlichen "Kunststückchen", die er zu bieten hat. Hier erntete er verdienten Szenenapplaus. Sehr eindrucksvoll ist die Stimme Dieter Chmelars aus dem Off.