Sich künstlerisch mit Licht und Schatten auseinanderzusetzen, ist wohl nichts Neues. Man könnte meinen, sogar etwas Abgedroschen. Und obwohl dieses Thema den ganzen Ballettabend über präsent ist, bleibt dieser nicht als abgeschmackt in Erinnerung: "Begegnungen" hatte mit einer Österreich-Erstaufführung und mit gar zwei Uraufführungen am Mittwoch in der Volksoper Premiere. Alexei Ratmansky, Andrey Kaydanovskiy und der Staatsballett-Chef Martin Schläpfer sind die Choreografen des Abends, die eines miteinander verbindet: Die Fähigkeit, die Zuseher ihrer abstrakten Ballette im Lauf der Performance nicht in ihrer Aufmerksamkeit zu verlieren, sondern immer wieder erneut anzulocken. Kein leichtes Unterfangen. Vor allem in einem dreistündigen Ballettabend.

Aleksandra Liashenko und Arne Vandervelde in Alexei Ratmanskys "24 Préludes". - © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor
Aleksandra Liashenko und Arne Vandervelde in Alexei Ratmanskys "24 Préludes". - © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor

Die Stücke sind in ihrer Abstraktheit äußerst unterschiedlich: Alexei Ratmansky widmet sich in "24 Préludes" zur Musik von Frédéric Chopin zwar in abwechslungsreichen Mini-Episoden dem klassischen Ballett, erweitert dieses jedoch elegant mit moderneren Bewegungen. Minimalistisch in Trikots und simplem Kleiderschnitt, jedoch in vielen Farb- und Stoffvarianten (Kostüme: Keso Dekker) quirlt etwa Aleksandra Liashenko leichtfüßig mit Arne Vandervelde. Auch Maria Yakovleva und Liudmila Konovalova zeigen ihre federleichte Technik. Es sind viele Tanzbegegnungen, die ebensoviele Emotionen delikat über die Bühne bringen.

Tänzerische Dystopie

Zart und luftig ist Andrey Kaydanovskiys Uraufführung "lux umbra" keinesfalls. Eher eine tänzerische Dystopie: Rebecca Horner, Marcos Menha, und Lourenço Ferreira kämpfen sich darin vom Dunkeln, vielleicht einer Höhle, ins Licht. Kaydanovskiys zeitgenössisches Bewegungsrepertoire ist erdig. Ungewöhnlich, aber faszinierend sind manche Hand- und Armsequenzen. Man würde sich mehr davon wünschen. Mit rotem Lippenstift, braunen köchellangen Plisseeröcken, die gleichfalls Kostüm (von Karoline Hogl) und Requisite sind, kreiert Kaydanovskiy starke Bilder, die musikalisch im Auftragswerk des österreichischen Komponisten Christof Dienz widergespiegelt werden. Dazu erweiterte Dienz das Orchester der Volksoper um E-Gitarre, E-Bass und umfangreiches Schlagzeug.

Godwin Merano (v. l.), Alexandra Inculet, Marcos Menha (knieend) und Andrés Garcia Torres in "lux umbra" von Andrey Kaydanovskiy. - © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor
Godwin Merano (v. l.), Alexandra Inculet, Marcos Menha (knieend) und Andrés Garcia Torres in "lux umbra" von Andrey Kaydanovskiy. - © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor

Fuß- und Beinarbeit

Mit dem vierten Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven mit Johannes Piirto als Solopianisten geht es dann zum letzten Stück des Abends: "In Sonne verwandelt" nennt der Ballettchef Martin Schläpfer seine jüngste Kreation, die den Fokus vorrangig auf den Tanz lenkt. Dieses Mal verbindet Schläpfer seine Chorografie mit der Musik, setzt nicht auf Kontrapunkte. Etliche Tänzerinnen sind in schwarze Hosen gekleidet, die die ästhetische Fuß- und Beinarbeit besonders hervorheben - auch das Seitenlicht unterstützt diesen Effekt. Choreografisch streben sie auf ihren Spitzenschuhen in die Lüfte, es sind vielleicht jene Lichtfiguren, die der Sonne entgegenstreben. Assoziationen und Fantasie der Zuseher kennen hier keine Grenzen.

Für das Orchester der Volksoper unter der musikalischen Leitung von Gerrit Prießnitz sind die Stücke von Chopin, Dienz und Beethoven eine äußerst herausfordernde Mischung, die mit Verve gemeistert wird.