Die Ankündigung glich einem Paukenschlag: Im Herbst 2020 entschied die Staatssekretärin Andrea Mayer, dass ab der Saison 2022/23 nicht mehr Robert Meyer, sondern Lotte de Beer die Wiener Volksoper führen würde. Die Niederländerin, Jahrgang 1981, hat sich europaweit als Opernregisseurin profiliert, ist als Intendantin aber noch ein unbeschriebenes Blatt. Derzeit inszeniert sie am Theater an der Wien (Premiere: 19. Februar) und gab der "Wiener Zeitung" Einblick in ihre Pläne.

"Wiener Zeitung": Sie inszenieren gerade "Jenůfa" im Theater an der Wien. Gleichzeitig laufen die Vorbereitungsarbeiten für Ihren Start an der Volksoper. Wie gut können Sie sich auf die aktuellen Proben konzentrieren?

Lotte de Beer: Wenn man im Proberaum ist, verschwindet die ganze Welt um einen herum, man ist wie in einem Tunnel, ganz auf das aktuelle Stück fokussiert. Aber in den Pausen und nach der Probe bin ich wieder designierte Direktorin. Außerdem habe ich eine kleine Tochter, sie ist vier Jahre alt. Es fühlt sich derzeit an, als würde ich drei Leben in eines stecken. Das ist sehr viel, aber auch wunderschön.

Fangen wir bei Janáčeks "Jenůfa" an: Wie wollen Sie das bedrückende Dorfdrama von 1904 erzählen? Im Heute?

Nein. Wenn man die Geschichte in der Gegenwart zeigte, würde es für die unverheiratete, schwangere Protagonistin eine einfache Lösung geben: Sie könnte nach Berlin ziehen und wäre frei. Ich möchte das Publikum erleben lassen, wie erstickend dieses paternalistische, religiöse Konzept ist, das in Janáčeks Dorf zu einem Mord führt. Und ich will dabei auf Naturkulissen und kitschige Folklore verzichten. Wie kann man als Mensch ein System erschaffen, das das Gute will, aber Böses hervorbringt? Davon soll diese Regie erzählen. Wir lassen den Abend damit beginnen, dass Kostelnička den Mord an Jenůfas unehelichem Kind zugibt, und nehmen die Schuldfrage als Ausgangspunkt für einen psychologischen Ansatz. Mehr will ich nicht verraten.

Wie ist das Arbeiten als designierte Direktorin? Gehen die Leute anders mit einem um, freundlicher, schleimiger?

Ich habe als Praktikantin angefangen und mich die Karrierestufen hinaufgearbeitet. Die, die dich anfangs am meisten hinuntergedrückt haben, werden dann immer lobhudlerischer. Es gibt aber genug Leute, die anders sind. Wirkliche Teamplayer, die sich um die Sache kümmern, nicht um deinen Status. Ich habe viele solche Menschen um mich. Wenn ich etwas Blödes sage, dann widersprechen sie mir. Und das finde ich so gesund! Ich habe das oft beobachtet: Wenn jemand wie ein Gott behandelt wird, verliert er den Realitätssinn.

Stimmt es, dass Sie eigentlich Opernsängerin werden wollten?

Ja, seit ich sieben Jahre alt war. Ich nahm das sehr ernst, studierte Klavier, absolvierte eine Vorausbildung. Aber am Konservatorium musste ich feststellen: Vielleicht kann ich in der dritten Reihe eines zweitklassigen Chors singen; meine Ambitionen waren größer als das Talent.

Das muss eine gewaltige künstlerische Enttäuschung gewesen sein.

Ja. Ich versuchte es dann auch als Schauspielerin, fühlte mich auf der Bühne aber wie ein Kaninchen im Licht gefangen. Gott sei Dank war da ein Lehrer, der sagte: "Immer, wenn du in einer Szene spielst, gehst du weg, um den anderen zu helfen. Das, was du als Helfen siehst, heißt Regie. Ich glaube, das ist etwas für dich." Dann kam ich in die Regieschule. Und plötzlich habe ich verstanden, warum mein Traum so groß war und dass da ein Plätzchen für mich ist.

Die Volksoper ist mit unterschiedlichen Ansprüchen geführt worden: Als Raritätenhaus, als "bessere" Staatsoper, als Unterhaltungstheater. Ihr Zugang?

Ich liebe die Bezeichnung "Volksoper" - ein Opernhaus für das Volk. Man muss sich hier fragen: Wie erreichen wir die Menschen? Ich glaube, heute sollte man Kunst und Unterhaltung nicht strikt trennen. Ich bin in der Regieschule von Babyboomern unterrichtet worden, sie predigten harte Konfrontation und Regietheater. Ich denke, dieser Ansatz hat uns viel gebracht in der Vergangenheit: Es waren komfortable Zeiten, und in solchen Jahren soll und muss Theater auch mit Schockeffekten arbeiten. Wenn die Zeiten aber so unsicher sind wie heute, heißt es umdenken: Dann sollte man das Publikum unterhalten. Das schließt eine intelligente Kunst mit philosophischen Fragen aber natürlich nicht aus. Wir können gemeinsam über etwas lachen, das wehtut, oder über etwas weinen, das uns verbindet. Zu dieser Erkenntnis bin ich übrigens gekommen, knapp bevor ich die Ausschreibung der Volksoperndirektion gesehen habe. Ich hatte auf einem Zettel notiert, was ich in meinem Leben noch machen will und was Kunst heute machen muss. Ich hatte das Wort "Operette" groß aufgeschrieben. Und dass ich ein Haus führen will.

Wird die Volksoper den Genres Operette, Oper, Musical, Tanz treu bleiben?

Wir wollen das Haus sein, an dem Operette am besten gemacht wird, an dem sie daheim ist. Aber wir werden natürlich weiter alle Sparten des Musiktheaters bedienen. Und: Wir möchten auch Zwischenbereiche erkunden. An der Volksoper arbeiten Allround-Künstler; darum können wir Stücke anders aufführen als andere Bühnen. Und wir können auch mal was riskieren, weil wir ein kleineres Haus sind.

Aber wohl nicht bei jeder Premiere?

Nein, das wäre unverantwortlich. Das Geld ist ja nicht meins. Aber man kann nicht immer auf Nummer sicher gehen, dann wird es langweilig.

Dirigent Omer Meir Wellber wird Ihr Musikdirektor. Wie kamen Sie auf ihn?

Wir haben im Gespräch mit dem Orchester eine Liste gemacht, sein Name war obenauf. Ich rief seinen Agenten an und bekam zunächst ein klares Nein: Er hätte keine Zeit. In einem persönlichen Gespräch stellten wir dann aber fest, dass sich unsere Visionen überschneiden, und so hat er alles darangesetzt, doch an die Volksoper kommen zu können. In der ersten Saison wird er nicht so oft präsent sein können wie gewünscht, aber das wird sich von Jahr zu Jahr steigern.

Wie verstehen Sie sich mit Ihrem Vorgänger, dem Langzeitdirektor und Publikumsliebling Robert Meyer?

Er hat mich sehr freundlich begrüßt und mir ein Büro im Haus gegeben. Ich bin auch wirklich froh, dass er in meiner ersten Saison drei Rollen spielen wird. Er war hier lange sehr präsent, und das sollte nicht einfach so vorbei sein.

Im Vorjahr gab es Negativschlagzeilen: Sie ließen das gesamte Ensemble zu einem Vorsingen antreten - um zu entscheiden, wen Sie behalten. Hat Sie die Kritik in den Medien überrascht?

Ich verstehe, dass Zeitungen über so etwas berichten. Mich hat aber der Mangel an Recherchetiefe überrascht. Eine Intendantin muss entscheiden, welche Künstler sie übernimmt. Ich wollte mir die Sänger in Vorstellungen anhören, doch das ging nicht wegen des Lockdowns. Darum haben wir ein Vorsingen angesetzt.

Stimmt es, dass Sie das Ensemble stark verkleinert haben?

Das lässt sich nicht so pauschal sagen. 13 Ensemblemitglieder wurden nicht verlängert, 5 sind in Pension, in vielen Fällen haben wir das Anstellungsverhältnis verlängert oder Anschlussverträge im Umfang von mehreren Monaten angeboten. Für dieses Haus muss man ein Ensemble aus exzellenten Allroundern aufbauen: Performer, die singen, spielen und sich bewegen können, aber auch Theaterkünstler mit eigener Vision, die zusammenarbeiten können und wollen. In gewisser Weise muss man eine große Künstlerfamilie werden. Künstlerische Vergleichbarkeit ist immer Geschmackssache: Der Funke muss auf einer inspirierenden Ebene überspringen. Sonst wird das Publikum nicht verzaubert.

2021 ging das wilde Gerücht um, Sie eröffnen mit Alban Bergs "Lulu".

Nein, werden wir nicht. Dieses Gerücht hat viel unnötige Aufregung erzeugt. Ich mag das Stück, aber ich denke, es wäre eine schlechte Wahl für meinen Beginn an der Volksoper. Wir werden mit einer Operette starten.