Kunststaatssekretärin Andrea Mayer spricht mit der "Wiener Zeitung" über ihr Corona-Krisenmanagement und kulturpolitische Meilensteine.

"Wiener Zeitung": Sie haben im Mai 2020, wenige Monate nach dem Beginn der Corona-Krise, das Amt der Kunst- und Kulturstaatssekretärin übernommen. Wie ist die viel beschworene Kulturnation bisher durch die Krise gekommen?

Andrea Mayer: Dass mir dieses Amt in einer so schwierigen Situation anvertraut wurde, habe ich als Ehre empfunden, obwohl mir natürlich von Anfang an klar war, dass einiges auf mich zukommen wird. Es war mein erklärtes Ziel, die kulturelle Vielfalt des Landes zu erhalten. Dafür mussten wir vor allem für freischaffende Künstlerinnen und Künstler rasch und unbürokratisch Maßnahmen entwickeln. Auch bei den Kulturbetrieben sollte es nicht zu Schließungen kommen, dafür hat der Bund umfangreiche Wirtschaftshilfen bereitgestellt. Wir haben bisher für Corona-Hilfsmaßnahmen allein in der Kulturbranche 450 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Also ich glaube, da ist einiges gelungen. Aber - die Pandemie ist noch nicht überstanden.

Wie bewerten Sie die weitreichenden Öffnungen? Ab 5. März sollen im Kulturbetrieb wieder Normalbedingungen gelten.

Ich sehe das positiv, dass wir bald wieder aus der gesamten Bandbreite kultureller Möglichkeiten schöpfen und Kunstschaffende ihren Beruf wieder uneingeschränkt ausüben können. Besonders freue ich mich bei diesem aktuellen Schritt für die Clubkultur und für Konzerte ohne zugewiesene Sitzplätze, weil diese Bereiche bisher noch nicht berücksichtigt werden konnten. Unser Leben ist leer ohne Kultur, das Live-Erlebnis kann durch nichts ersetzt werden.

Nicht jeder teilt Ihren Optimismus, angesichts ungemindert hoher Infektionszahlen erscheinen vielen die Lockerungen verfrüht.

Die Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass die Infektionszahlen bis Anfang März abnehmen werden und die Öffnungsschritte möglich sind. Natürlich ist die Pandemie noch nicht vorbei, aber wir haben mittlerweile gelernt, mit dem Unwägbaren zu leben, und wir haben dank der Impfung ein Mittel zur Bekämpfung der Pandemie.

Die Auslastungszahlen vieler Kultureinrichtungen dümpeln bei 60 Prozent. Vor allem die Bühnen arbeiten derzeit unter Extrembedingungen. Die Rückkehr zum Normalbetrieb scheint vorerst illusorisch.

Ich bleibe optimistisch. Das Publikum hat in den vergangenen Monaten viel auf sich genommen, um Kultur zu erleben. Dass sich trotz allem ein so großer Anteil der Besucherinnen und Besucher - bei den Bundestheatern rund 60 Prozent - von all den Auflagen nicht abhalten ließ, beweist den Stellenwert von Kunst und Kultur. Ich bin deshalb sehr zuversichtlich, dass sich im Frühjahr und Sommer die Situation entkrampfen wird und wir unser Leben wieder in vollen Zügen genießen können. Die Kultur wird aufleben und das Publikum wird danach lechzen, zurückzukehren. Wie es im Herbst sein wird, lässt sich leider noch nicht abschätzen. Aber jetzt ist einmal Zeit für Optimismus.

Können Sie sich vorstellen, bei anhaltenden Auslastungsproblemen kulturpolitisch gegenzusteuern?

Wir haben ja bereits Initiativen in diese Richtung gesetzt. Im Sommer haben wir eine Bundesmuseen-Card aufgelegt, zum Preis von 19 Euro konnte man sämtliche Bundesmuseen besuchen. Auch haben wir in einem eigenen Förderprogramm mit vier Millionen Euro Maßnahmen zur Publikumsrückgewinnung gefördert, was von den Kultureinrichtungen sehr gut angenommen wurde. Aber noch einmal: Ich bin überzeugt, das Publikum wird auch von sich aus zurückkommen.

Sie konnten für heuer eine Kulturbudgeterhöhung von 60 Millionen Euro erwirken, reicht das angesichts der aktuellen Nöte aus?

Diese Budgeterhöhung ist historisch, sie hat aber nichts mit Corona-Maßnahmen zu tun - die laufen extra. Mit der Erhöhung können wir viel bewegen: strukturelle Mängel beheben, vermehrt in zeitgenössisches Kunstschaffen investieren, Stichwort: Fair Pay, internationale Akzente setzen, eine digitale Offensive starten und wichtige Kultureinrichtungen sanieren.

Die Corona-Hilfsmaßnahmen sind für das erste Quartal 2022 verlängert worden. Reicht das angesichts der aktuellen Nöte aus?

Die zusätzlichen Fördermittel gelten vorerst bis Ende März, danach werden wir sehen, was noch gebraucht wird. Bis jetzt hat die Bundesregierung stets Maßnahmen ergriffen, um negative Folgen der Pandemie für Kunst und Kultur abzufedern.

Wann kommt die lange geplante Bundesmuseen-Holding?

Derzeit werden im Ministerium Vorbereitungen getroffen, im nächsten Schritt werden wir das Gespräch mit dem Koalitionspartner und den Museen zu diesem Thema suchen. Es geht darum, bestimmte Bereiche, in denen Synergien möglich und sinnvoll sind, in einem Shared Service Center zu bündeln, damit die Museen gut für die Zukunft gerüstet sind. Die Museen sollen aber selbstverständlich frei in ihrem künstlerischen und wissenschaftlichen Auftreten bleiben. Parallel dazu ist ja auch ein Kollektivvertrag in Verhandlung, das ist mir mehr als 20 Jahre nach der Ausgliederung ein besonderes Anliegen.

Die Kulturbranche ist heterogen, es gibt gut abgesicherte Bereiche, in die der Staat auch bei Verlusten in Millionenhöhe rettend eingreift, wie zuletzt beim Theater in der Josefstadt. Dem gegenüber steht ein Heer selbständiger Kunstschaffender in prekären Arbeitsverhältnissen. Lässt sich diese Unausgewogenheit im Förderwesen ausbalancieren?

Diese Frage beschäftigt mich seit vielen Jahren, mir ist die Problematik bewusst, dennoch widerstrebt mir das Entweder-oder. Ich bin davon überzeugt, dass beide Bereiche einander bedingen, die freie Szene beruft sich auf die Tradition, traditionelle Institutionen brauchen das Zeitgenössische. In einem Land, in dem Kunst und Kultur so eine Bedeutung haben wie in Österreich, müssen wir beidem gerecht werden. Ich achte bei der Aufteilung des Budgets genau darauf, dass ausreichend Mittel für freies Kunstschaffen zur Verfügung stehen.

Im Regierungsprogramm ist ein Bekenntnis zu Fair Pay verbrieft, eine Einhaltung von Mindestgrenzen bei Gagen. Theoretisch ein Meilenstein, wie bewährt es sich in der Praxis?

Fair Pay kann nur realisiert werden, wenn alle Beteiligten sich dazu bekennen. Mit den Bundesländern, Städte- und Gemeindebund sowie den IGs starten wir jetzt in intensive Gespräche, aber auch die Kultureinrichtungen sind in der Pflicht. Gleichzeitig stellen wir seitens der Bundesförderung auf Basis der Erhebung, die wir bei Gallup beauftragt haben, schon 2022 6,5 Millionen Euro zur Verfügung, um Gehälter und Honorare heutigen Standards anzupassen. Damit sollen nicht zusätzliche Produktionen gefördert, sondern bestehende Anträge höher dotiert werden. Es geht darum, die Arbeitsbedingungen quer durch alle Sparten zu verbessern. Parallel dazu arbeiten wir auch an anderen Fairness-Themen: Wir etablieren eine Vertrauensstelle, an die man sich bei Machtmissbrauch wenden kann. Auch ein "Fairness Codex", der bestimmte Grundlinien fairen Arbeitens im Kulturbereich festschreiben soll, ist in Vorbereitung.

Krise als Chance: Gab es auch positive Entwicklungen?

Es ist uns gelungen, eine gute Gesprächskultur mit den Kunstschaffenden des Landes aufzubauen - und auch die Branche selbst ist durch die Krise viel besser vernetzt. Ich empfinde dieses Miteinander als Bereicherung und möchte es weiterhin aufrechterhalten. Der gesamte Kunst- und Kulturbereich hat in der Krise bewiesen, wie resilient, flexibel und optimistisch er ist. Mit diesem Spirit gehen wir auch an die Kulturpolitik heran.