"Das Wehtun ist keine Absicht, bloß unvermeidlich", behauptet der Knecht Sepp irgendwann. Das kann natürlich nicht als Rechtfertigung für die Übergriffe des groben Klotzes herhalten. Doch es bringt das Arbeitsklima auf dem Stallerhof, irgendwo im ländlichen Bayern um 1970, auf den Punkt. Das Bauernpaar Staller leidet unter den Daseinshärten, der erwähnte Sepp unter der Hand der Dienstgeber, und die Bauerstochter Beppi, vermeintlich zurückgeblieben, unter allen dreien: Von der Mutter setzt es Zornesworte für die "Familienschande", vom Knecht hier und da Trost, aber auch Griffe unter den Rock. Kurz: Es sind dies arme Leut’ mit reichlich Wut in den verschlossenen, mitteilungskargen Seelen - irgendwie Wesensverwandte des Protagonisten von Alban Bergs Opernmeisterwerk "Wozzeck".

Auch "Stallerhof" ist ein Musikdrama - jedenfalls seit Gerd Kühr das gleichnamige Skandalstück von Franz Xaver Kroetz vertont hat: 1988 ist sein Operndebüt in München uraufgeführt worden, und es hat Kührs Reputation maßgeblich gesteigert.

Ein Grund dafür ist bei der Neuproduktion der Neuen Oper Wien im Semperdepot nicht zu überhören - nämlich der Orchestersatz. Kühr überflutet die Gehörgänge mit einem Klangbild, das eine emotionale Bandbreite zwischen Befremden, Ohnmacht und Grauen herb widerspiegelt: Unentwegt ranken und kräuseln sich orchestrale Texturen, beschleunigen dunkelgraue Wimmelbilder und struppige Klangschichten den Puls, verweisen Folklorezitate auf eine abgründige Landwelt. Hut ab: Walter Kobéra, Dirigent und Leiter der Neuen Oper Wien, vermittelt dieses Grauen mit allem Nachdruck. Dabei entschädigt diese Intensität auch ein wenig für das Manko der Oper, nämlich ihre Gesangspartien. Diese schroffen Deklamationen und bayerischen Sprechgesänge mögen den Charakteren zwar gerecht werden - doch das erdige Einerlei ermüdet das Ohr.

Erfolglose Hilferufe

Regisseurin Shira Szabady siedelt die Tragödie auf einer kargen Holztribüne mit umgeworfenen Sesseln an - gewissermaßen ein hölzerner Käfig, in dem die Bauerstochter (prägnant: Ekaterina Protsenko) feststeckt. Rührend, wie sich Beppi in dieser Inszenierung zu befreien sucht: Wenn zwischen dem Gezeter der Mutter und den Grapschereien Zeit bleibt, sendet sie eine Art Flaschenpost ans Publikum - das im Semperdepot freilich sitzen bleibt. In weiterer Folge begnügt sich Szabady allerdings weitgehend damit, das Drama mit drastischen Gesten zu bebildern: Sepp (sonor: James Tolksdorf) schwängert Beppi, Bauer Staller (exzellent: Franz Gürtelschmied) will seine Tochter ermorden, Mutter Stallerin (wuchtig: Anna Clare Hauf) eine Abtreibung erzwingen - bevor es unvermutet eine Art Happy End setzt.

Ein solches gab es auch für Kobéra: Der erhielt nach dem pausenlosen Abend einen Preis der Deutschen Theaterverlage - ausgefolgt im Rahmen einer wortreichen, halbstündigen Laudatio.