Im Hauptberuf arbeitet Marina Lacković für ORF Online, ihre Leidenschaft gehört aber der Bühne, wo sie als Malarina für ihr Debüt "Serben sterben langsam" den Förderpreis des Österreichischen Kabarettpreises bekommt. Dass es sofort so ein Erfolg wurde, liegt vielleicht auch an der unbekümmerten Art, mit der die 31-Jährige das Ganze angegangen ist. Im Interview vor der Preisverleihung am 22. März im Globe Wien (und am 22. April um 23:10 Uhr auf ORF eins) spricht sie über Ethno-Comedy, das Leben als Angehörige einer Minderheit und erklärt, warum sie TikTok meidet.

"Wiener Zeitung": Wie der Künstlername Malarina entstanden ist, liegt auf der Hand. War Ihnen bewusst, dass auch eine australische Spinne so heißt?

Marina Lacković: Nein. Es war mir auch nicht bewusst, dass es einen spanischen Rotwein gibt, der so heißt, und auch einen Strand in Kroatien. Aber es ist ein schöner Name für eine Spinne.

Was hat Sie eigentlich dazu gebracht, sich mit Ihrem Migrationshintergrund so zu exponieren?

Ich habe das überhaupt nicht geplant. Ich habe immer gerne geschrieben, aber mir wäre nie eingefallen, ein Kabarettprogramm zu schreiben. Ich wollte am liebsten einen ganz bedeutungsschweren Roman schreiben, irgendetwas so furchtbar Tragisches, dass man es eines Tages im Hörsaal erwähnen würde, wenn ich längst tot bin. Ich wollte dann Gag-Autorin werden, aber Denice Bourbon vom politisch korrekten Comedy Club PCCC hat mir gesagt, ich soll meine Texte persönlich vortragen. Das habe ich im Dezember 2019 einfach einmal gemacht und sehr schnell danach das Programm geschrieben und eine Bühne gesucht und mit dem Niedermair gefunden. Ich habe sehr viele Zwischenschritte ausgelassen. Ich weiß nicht, warum; ich hatte einfach keine Ahnung, wie man das macht, und es ist tatsächlich aufgegangen. Verrückt, oder?

Ihr Debüt war zwischen den Lockdowns. Mit nur einem Dutzend Auftritten bisher haben Sie mehr Youtube-Fans als Live-Publikum.

Ja, aber ich bin im Internet keine große Nummer. Ich kann das gar nicht. Ich bewundere Leute, die das können. Ich finde, meist hat das, was ich gerade mache, nicht genug Relevanz, um diese Kanäle damit zu penetrieren. Ich könnte mich auch nicht so intim zeigen wie viele Influencer. Ich bin auch nicht auf TikTok, das ist für mich ein einziger Epilepsie-Trigger. Dafür schreibe ich auf Facebook verboten lange Texte.

Sie wurden 1990 in einem serbischen Dorf geboren und kamen über Tirol nach Wien. Sehen Sie sich in erster Linie als Serbin in Österreich oder als Österreicherin serbischer Herkunft? Oder als Tirolerin, die in Wien sowieso quasi eine Ausländerin ist?

Wir sind Walachen, also meine Familie. Meine erste Muttersprache war Rumänisch, meine zweite Serbisch. Ich hatte nie Gelegenheit, etwas wie Patriotismus zu entwickeln, weil ich mich dafür zu sehr innerhalb einer Minderheit bewegt habe. Darum habe ich heute auch das Gefühl, dass ich niemandem so etwas schulde, und äußere meine Meinung so, wie sie ist. Es kriegen auch Österreicher und Serben beide recht viel ab in meinem Programm. Mir war es wichtig, fair zu sein und die Sachen aus einer Perspektive zu erzählen, die den Leuten bis dahin unbekannt war, ohne diese Person bloßzustellen und lächerlich zu machen. Dann wäre es rassistisch. Es geht auch darum zu zeigen, was aus einem wird, wenn man jedem Populisten, der ums Eck kommt, auf den Leim geht. Und ich karikiere mich quasi selbst. Meine Inspiration war diese legendäre Serbin aus den "Alltagsgeschichten" am Brunnenmarkt - das ist der Mensch, der ich bin und den ich spiele.

Wo ist Ihre Heimat?

Ich finde, man kann zwei oder sogar drei Heimaten haben. Aber man erfährt halt in jedem Wahlkampf, dass manche das nicht so sehen. Und die Einbürgerung bedeutet auch die Abgabe der eigenen Staatsbürgerschaft. Das kann man eigentlich nicht verlangen. Serbien wird immer das Land meiner Großeltern sein; ich meine nicht irgendwelche Fahnen und Massenevents, sondern die Erde, die Menschen, wo ich das Gefühl habe, hinzugehören. Das Blöde an Migration ist: Dadurch, dass man das alles verlässt, und zwar selten alle Generationen zur selben Zeit, fehlt immer mindestens eine oder auch zwei Generationen. Jeder in Serbien vermisst irgendwen. Ich liebe Wien sehr und fühle mich hier richtiger als in Innsbruck, aber ich war auch dort nicht ungern und war dankbar, dass ich dort leben und eine Ausbildung machen durfte. Natürlich ist Österreich meine Heimat, ich freue mich sogar, wenn österreichische Skifahrer gewinnen, dabei mag ich Skifahren gar nicht.

Wie wichtig ist Integration? Und wie schlimm sind Parallelgesellschaften aus Ihrer Sicht?

Als ich ein Kind war, gab es überhaupt keine Integrationsmaßnahmen. Man ist ja davon ausgegangen, dass das alles Gastarbeiter sind, die dann wieder gehen. Es gab keine Sprachkurse, keine Wertekurse, der Arbeitgeber war der Letztverantwortliche, wenn es darum ging, ob man bleiben durfte. Es sind damals auch schlimme Dinge passiert. Dass die erste und zweite Generation unter sich geblieben ist, war eigentlich logisch: Die Männer wurden zur Arbeit irgendwohin geholt und haben gemeinsam in Baracken geschlafen. Meine Oma hat sich damals ein Wörterbuch "Serbisch-Deutsch" nach Hintertux mitgenommen, mit Alltagsfloskeln - und war dann frustriert, weil sie im Zillertal nicht ein Wort verstanden hat. Aber Ausländer unter sich finden sich immer irgendwie zurecht. Es liegt an beiden Seiten. Wenn man sich fremd fühlt, ist das Bedürfnis da, das freie Wochenende grillend mit seinen Freunden zu verbringen und seine Muttersprache zu sprechen, seine Musik zu hören. Dieses Bedürfnis haben wir doch alle. Jeder Mensch ist glücklich, wenn er etwas aus seiner Kindheit hört oder riecht.

Was sprechen Sie im Privaten?

Mit meinen Eltern Rumänisch und mit jedem anderen, der aus Serbien kommt, Serbisch. Mir hat dieser rumänische Dialekt sehr geholfen, Fremdsprachen zu lernen. Bilingualität, Trilingualität ist immer wertvoll. In meiner Schulzeit in Tirol gab es schon sehr engstirnige und rassistische Leute. Da waren Lehrer dabei, die Lobeshymnen auf Jörg Haider gesungen haben, auch als er schon tot war. Und eine Lehrerin hat zu drei Mädchen mit Kopftuch in der Klasse immer "Wraps" oder "Frühlingsrollen" gesagt. Unsagbar und kaum vorzustellen!

Ein Jahr nach Ihrer Geburt haben die Balkan-Kriege begonnen. Was wirkt davon heute noch nach?

Das Kabarett hat sich einfach ergeben. Eigentlich wollte sie am liebsten "einen ganz bedeutungsschweren Roman schreiben". - © Vanja Pandurevic
Das Kabarett hat sich einfach ergeben. Eigentlich wollte sie am liebsten "einen ganz bedeutungsschweren Roman schreiben". - © Vanja Pandurevic

Das Nato-Bombardement war das letzte große Trauma, an das ich mich erinnern kann, wo jeder irgendwen verloren hat. Serben und Kroaten haben das ja ziemlich asozial gelöst und Bosnien zum Kriegsschauplatz gemacht. Ich werde nie die kollektive Schuld beider Völker den Bosniaken gegenüber wiedergutmachen oder entschuldigen können. Es ist ganz entsetzlich, was diesen Leuten angetan wurde in diesem multikulturellen Staat, der sich immer wieder auf die friedliche Resolution von 1970 berufen hat und einfach in Ruhe existieren wollte. Die Bosnische Krajina war der Ort, wo die schlimmsten Dinge passiert sind. Ich erinnere mich nur daran, dass wir lange nicht wussten, wo mein Onkel war. Er hat später erzählt, dass man als Soldat gar nicht so genau wusste, wann man abhauen musste, da konnte man von einem Tag auf den anderen die Region verlieren, in der man gerade war. Abseits des Schlachtfeldes war sein bester Kumpel ein Kroate. Die hatten Stützpunkte nebeneinander: Hier die Serben, da die Kroaten - und abends haben sie gemeinsam Schach gespielt. Das ist so verrückt! Ich glaube, ganz viele junge Männer, die da mitmachen mussten, haben nicht verstanden, was da passiert. Da gab es auf einmal einen Krieg, der quer durch Familien gegangen ist. Viele Söhne aus Mischehen mussten plötzlich an einer Front kämpfen, die sich einfach aus dem Geburtsland des Vaters ergeben hat - und dabei immer die Hälfte ihrer Selbst bekämpfen. Dabei gilt auf der ganzen Welt: Krieg ist nie der Wille des Volkes. Jede Nation will einfach in Ruhe leben.

Sollte Serbien EU-Mitglied werden?

Es gab einen Witz: Wenn Serbien zur EU kommt, soll bitte der Letzte, der das Land verlässt, das Licht ausmachen. Aber tatsächlich kann ich es schwer sagen. Bei Kroatien ist ja der große Exodus ausgeblieben. Das Problem ist: In Serbien wird immer Wahlkampf betrieben mit Punkten, die sich nicht ausgehen mit der EU. Das sind oft ganz alte Nationalismen.

Sie werden jetzt als Ethno-Kabarettistin mit dem Österreichischen Kabarettpreis ausgezeichnet. Haben Sie Sorge, gleich zu Beginn in eine Schublade gesteckt zu werden?

Ich finde es witzig, dass mein Stück Ethno-Comedy genannt wird. Ich habe kein Problem damit, aber ich weiß nicht, macht man das echt bei jedem? Es ist ja eigentlich zu 90 Prozent Politsatire, die sich schon eher an die Mehrheitsgesellschaft richtet, halt aus der Perspektive des Balkans. Vielleicht schreibe ich auch einmal eine Ethno-Comedy - mit ein bisschen leichteren Themen als Krieg, Tod, Elend und Verderben - aber, mein Gott, dann sollen sie halt das halt jetzt auch so nennen. Ich habe einen Preis bekommen und freue mich sehr. Das Wort Ethno ist wie das Wort Homo, das können die Leute nicht oft genug erwähnen, als hätten sie etwas davon. Aber ich ärgere mich nicht, ich bin einfach ehrfürchtig und dankbar, dass die Menschen sich mein Stück anschauen.