Ohne die Hölle wäre die Kunstwelt wohl um einiges ärmer. Die ästhetische Verarbeitung der ewigen Verdammnis gehört gewissermaßen zu den Grundpfeilern westlicher Kultur - siehe Dantes "Göttliche Komödie" und Hieronymus Boschs "Weltgericht". Kaum ein anderer Dichter begegnete dem Inferno indes derart nüchtern wie Jean-Paul Sartre in seinem Einakter "Geschlossene Gesellschaft" aus 1944.

Drei Personen, die einander im Leben noch nie begegnet sind, werden, so Sartres Regieanweisung, in einen "Salon im Second-Empire-Stil" geführt. Hölle de luxe. Im Burgtheater, in der Inszenierung von Hausherr Martin Kušej, verwandelt sich der Zuschauerraum in eine veritable, blendend hell ausgeleuchtete Vorhölle: Während der gesamten Aufführung bleibt es im Theater taghell.

Im Reich der Schatten

Der Schauspieler Tobias Moretti betritt im adrett graukarierten Anzug den Zuschauerraum durch dieselbe Tür wie zuvor das Publikum; Christoph Luser begleitet Moretti als Kellner im Frack. "Da sind wir also." - "Jawohl, da sind wir." Eher lapidar nimmt das Unheil seinen Lauf, gerade so, als würde Moretti für eine Nacht in ein Hotel einchecken - und nicht die Ewigkeit im Orkus verbringen müssen. Er besteigt die Bühne über Stufen, der Bühnenboden ist mit weißen Kieselsteinen ausgelegt; Bühnenbildner Martin Zehetgruber begrenzt den weitläufigen Höllenspielort mit einer grauen, raumgreifenden Ziegelwand und reduziert das Aktionsfeld damit auf ein Minimum: Ein praktikabler Kniff, schließlich ist das Vier-Personen-Stück eher Kammerspiel als großes Theaterkino. Blickpunkt im leeren Bühnenbild ist Erwin Wurms weiße Gurkenskulptur. Dörte Lyssewski betritt als Zweite das graue Schattenreich. Sie ist die intellektuelle Lesbe Inès Serrano. Schließlich wird noch Regina Fritsch als Estelle Rigault hereingebeten, ganz eisige Femme fatal.

Es dauert dann nicht lange, bis die im Hotel Hades Gestrandeten einander Lebensgeheimnisse beichten: Moretti ist der linke Journalist und Widerstandskämpfer Joseph Garcin, der hier landete, weil er seine Frau schlecht behandelt hat; Lyssewskis Serrano trieb ihre Geliebte in den Tod, und Estelle entlarvt sich bald als Kindsmörderin.

"Geschlossene Gesellschaft" zählt zu Sartres bekanntesten Bühnenstücken, findet sich gegenwärtig aber kaum mehr auf den Spielplänen; irgendwie gehört der 1980 verstorbene Denker zu den vergessenen Philosophen, obwohl jeder seinen Namen kennt. 1945 wurde der Autor mit "Das Sein und das Nichts" weltberühmt. Die Nachkriegsjahre waren Sartres hohe Zeit: Der Existenzialismus avancierte zum Lebensstil, der schwarze Rollkragenpullover zur Intellektuellen-Uniform. Sartres politische Entgleisungen, die Verklärung des Stalinismus, später dann die Post-Strukturalisten Foucault, Deleuze und Derrida ließen ihn noch zu Lebzeiten alt aussehen. Die Inszenierung im Burgtheater tut sich ebenfalls schwer, die Aktualität des Stücks plausibel zu machen.

Kein Corona-Roman

Albert Camus’ Buch "Die Pest" ist noch immer kein Corona-Roman - auch wenn eine erstaunlich große Leserschaft gegenwärtig genau das darin sehen mag. "Geschlossene Gesellschaft" wiederum ist keineswegs ein Stück über den Lockdown. Die Faszination liegt vielmehr darin, wie sich aus der zufälligen Ménage-à-trois ein libidinöses Herr-Knecht-Verhältnis entspinnt, das die Protagonisten fast zwangsläufig dazu verführt, sich gegenseitig bis aufs Blut zu quälen: "Die Hölle, das sind die anderen."

Das langsame Abgleiten in die zwischenmenschliche Katastrophe entfaltet sich bedauerlicherweise am Burgtheater nicht wirklich. Vielleicht liegt es am antiquierten Frauenbild: Die rüde Lesbe, die sich in den Hetero-Sex-Vamp verknallt, wirkt nicht mehr besonders glaubhaft. Morettis Figur, die zwischen den weiblichen Gegenpolen pendelt, wirkt eher hilflos denn existenziell. Gut möglich, dass sich das Schauspiel nicht so richtig entwickelt, weil sich die Akteurinnen und Akteure im Lauf der knapp zweistündigen Aufführung häufig im Zuschauerraum aufhalten, dadurch für das Gros des Publikums schlichtweg nahezu unsichtbar bleiben und einiges an Spielenergie verpufft. Tonspur pur. Bald stellt sich der Eindruck ein, dass Moretti, Lyssewski und Fritsch, Granden ihres Fachs, sich den Spielraum ständig neu erobern müssen, was unweigerlich zu Längen und Leerläufen führt. Möglicherweise wäre "Geschlossene Gesellschaft" im Akademietheater besser aufgehoben. Jedenfalls bleibt das Jenseits ein Ort vieler Fragen ohne bündige Antworten.