Es hat seinen Grund, warum der erste Applausvorhang nicht der Titelheldin allein, sondern auch ihrer Stiefmutter gehört, sich Svetlana Aksenova und Nina Stemme also gemeinsam am Beifall weiden dürfen: Janáčeks "Jenůfa" heißt im tschechischen Original "Ihre Stieftochter" und rückt zwei Frauenschicksale ins Zentrum. Ein Umstand, dem Regisseurin Lotte de Beer raumgreifend Rechnung trägt: Jenůfas Beschützerin erhält im Theater an der Wien so viel Bühnenpräsenz wie ihr leidgeplagtes Mündel.

Das Konzept dahinter wirkt an sich schlüssig: De Beer will die Tragödie über eine unerwünschte Dorfschwangerschaft nicht als konventionelle Handlung erzählen, sondern als Rückblick der Stiefmutter. Diese Kostelnička, Opernfreunde wissen es, hat aus edlen Motiven eine Gräueltat vollbracht, nämlich Jenůfas unehelichen Säugling ermordet, um der Ziehtocher eine lebenslange Schmach zu ersparen. Doch das Verbrechen kommt ans Licht - und die Küsterin ins Gefängnis.

Düstere Glanzpunkte

Dort setzt dann auch der Abend an: Ein Metallbett, ein abgewetztes Gemäuer (Bühne: Christof Hetzer) und missmutige Kerkermeister flankieren eine Frau, die mit zittrigen Händen am Boden kniet: Kostelnička scheint nicht nur eine Gefangene des Strafvollzugs zu sein, sondern mindestens ebenso ihrer Schuldgefühle.

Tückisch wird es aber, wenn sich auf der Bühne die Rückblicke breitmachen. Denn sie wachsen ungerührt in den Gefängnisraum hinein und beginnen allmählich, diesen zu überwuchern. Auftritt der Jenůfa von gestern, die sich noch Hoffnungen auf eine Ehe mit dem Verursacher ihrer "guten Hoffnung" macht. Auftritt des Schlawiners Števa, der statt der Ehe lieber dem Alkohol frönt und mit dem Schönberg-Chor ein Volkslied anstimmt. Leider: Diese Regie tappt in eine Falle, die schon manchen Abend ähnlicher Ausrichtung hat straucheln lassen. Je mehr die Geschichte an Fahrt aufnimmt, desto mehr beginnen sich die Anführungszeichen der Regie aufzulösen - und die Bühnenaktionen doch in der Gegenwart stattzufinden. So auch hier: Es ist irgendwann nur noch Kostelničkas Dauerpräsenz, die an das Grundkonzept gemahnt. Wobei die Küsterin in jenen Szenen deplatziert wirkt, in denen sie schlicht keinen Auftrag hat. Das erinnert dann an die Salzburger "West Side Story" von 2016, in der eine gealterte Maria durch den Gedächtnisraum ihrer Liebesgeschichte geisterte; und es lässt natürlich an den "Parsifal" der Wiener Staatsoper denken mit seinem gereiften Ritter am Bühnenrand. Wobei dieser Wagner-Abend von Kirill Serebrennikov doch differenzierter mit den Zeit-Ebenen umgeht als diese "Jenůfa".

Das soll freilich nicht heißen, diese letzte Premiere vor dem Umbau des Hauses wäre ohne Fortüne geblieben: Die drahtige Personenregie bringt die aufgeheizten Emotionen dynamisch- kurzweilig zutage. Und hin und wieder gelingen albtraumhafte Glanzpunkte: Etwa, wenn Jenůfa von einem Männerpulk bedrängt wird und sich die Drangsalierer in Kostelničkas Erinnerung in ein Wolfsrudel verwandeln. Mehr solche Verfremdungen hätten helfen können, den Abend stärker nach Kopfkino einer gebrochenen Frau aussehen zu lassen als nach einer Regie in ärmlich-ländlichen Kostümen (Jorine van Beek).

Mustergültig musiziert

Dafür wird das Ohr mustergültig bedient. Besser als unter Marc Albrecht und dem RSO Wien kann Janáčeks Meisterpartitur kaum klingen. Der Mix aus drängenden Kurzmotiven, herben Steigerungswellen und folkloristischer Süße erzielt in diesem schnittigen, transparenten Klangbild seine volle Sogwirkung. Nina Stemme brilliert dabei als Küsterin, die mit schier übermenschlicher Walkürenkraft gegen unverrückbare Zustände ansingt. Svetlana Aksenova verleiht der Ziehtochter ein rollentauglich kindliches Timbre, aber auch mütterlichen Furor; Pavol Breslik wiederum erweist sich mit seinen versoffenen Prahlertönen als die Optimalbesetzung eines Števa, während Pavel Cernoch (Laca) leidenschaftliche Attacken hören lässt. Betagt, aber vital in Auftreten und Klangbild: Hanna Schwarz als alte Buryjovka. Schlussendlich Applaus für alle Beteiligten und auch de Beer, die damit buhfrei auf ihre Übernahme der Volksoperndirektion im September zusteuert.