Als im herabsinkenden Licht bereits die ersten Bravo-Rufe zu hören sind, ist klar: Mit "Die Überflüssigen" hat das TAG erneut einen zu erwartenden Publikumshit aufzuweisen. Sina Heiss - Text und Regie - gelingt eine bestechend heutige Überschreibung von Anton Tschechows 1887 entstandenen Tragikomödie Iwanow. Angelehnt an dessen erste Fassung, verzichtet sie darauf, Nicki (Iwanow) in den Selbstmord zu schicken; erschöpft, einsam und gelangweilt sind ja alle - und verunsichert in einer verunsichernden Zeit.

Heiss verlegt die Handlung in die Welt der finanziell unabhängigen "Wohlstandsgesellschaft" und in das erste "Covid-Jahr" 2020. Das funktioniert ebenso gut wie die minimalistische Reduktion des Stoffes: Eine Frau stirbt, ihr Mann, zugleich von ihr abhängig und von ihrem Sterben angewidert, verliebt sich in eine Jüngere, der engagierte Privatarzt in die Sterbende, und der Businesspartner und Hausfreund - der gesellschaftliche Fehltritt im gut situierten Establishment - versucht zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

Wo sich bei Tschechow die existenzielle Leere in Phrasen statt Taten manifestiert, lässt Heiss die Handlung in eingängigen Choreografien weitertreiben - oder eben nicht: Statt rhetorischer Hülsen gibt es Soundloops, die sich bis zu tinnitusartigen Tonfetzen reduzieren, statt dialogischer Entäußerungen zeitgenössische Choreografien zu Barockmusik, und selbst das Bühnenbild ist Teil dieses traurigen Tanzes Richtung Abgrund, an dessen Rand sich eine matt gewordene Krisen-Phalanx zum großen Finale einfindet.