Für die Festspiele Reichenau beginnt eine neue Zeit: Mit Jahresende wurde der Rückzug des Gründerehepaars Renate und Peter Loidolt wirksam. Das über 30 Jahre lang familiär geführte Unternehmen wird nunmehr unter Beteiligung des Landes Niederösterreich und der Marktgemeinde Reichenau an der Rax als "Theater Reichenau GmbH" geführt und ist in die landesweite Kulturholding NÖKU integriert. Dadurch ist die Finanzierung gesichert, das Budget beläuft sich auf 3,7 Millionen Euro.

Im Vorjahr sorgte das erfolgsverwöhnte Intendantenpaar erstmals für negative Schlagzeilen. Der Rechnungshof kritisierte Finanzgebarung und Firmenstruktur, sogar eine hohe Förder-Rückzahlung stand im Raum, Schauspieler wollten klagen. Die Intendanten zogen sich gesichtswahrend zurück und Burgschauspielerin Maria Happel trat vorerst für drei Jahre die Nachfolge an.

Nach zwei Jahren coronabedingter Spielpause eröffnen die Sommerfestspiele Reichenau am 2. Juli mit einem Künstlerfest bei freiem Eintritt im Kurpark. Die erste Premiere (2. Juli) inszeniert Torsten Fischer, in Anton Tschechows "Die Möwe" wirken Sandra Cervik und Martin Schwab mit. Christian Berkel führt Regie bei Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" mit Stefanie Dvorak (Premiere: 3. Juli). Weiters zu sehen ist Carl Zuckmayers "Des Teufels General" in der Regie von Hermann Beil (Premiere: 8. Juli). Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" äußert sich Neo-Intendantin Maria Happel über Kurskorrekturen und Altlasten.

"Wiener Zeitung": Sie gehören zu den gut beschäftigten Schauspielerinnen des Burgtheaters, leiten das Max-Reinhardt-Seminar und nun auch noch das Theater in Reichenau. Wann schlafen Sie eigentlich?

Maria Happel: Ich schlafe gut und ausreichend. Das ist alles eine Frage der Planung und Einteilung, ich finde immer eine Lücke. Außerdem mache ich nichts gleichzeitig, sondern eins nach dem anderen und auch nichts Berufsfremdes, so fügt sich eins zum anderen. Es ist wie bei einem Koch, der sich gleichermaßen für Vor-, Haupt- und Nachspeisen interessiert. Ich habe ein wunderbares Team und die volle Unterstützung meiner Familie, sonst würde ich das tatsächlich nicht schaffen.

Die Finanzgebarung Ihrer Vorgänger wurde zuletzt vom Rechnungshof kritisiert, es drohte eine Förderrückzahlung. Wie stehen die Festspiele heute finanziell da? Was wird unternommen, um derartige Kalamitäten zu verhindern?

Das ist nicht mein Aufgabenbereich, ich trage ausschließlich dafür Sorge, dass gutes Theater gemacht wird. Wirtschaftlich wurden die Festspiele mit der Gründung der "Theater Reichenau GmbH", deren Gesellschafter die NÖKU und die Marktgemeinde Reichenau an der Rax sind, auf eine neue, transparente Basis gestellt.

Eine weitere Altlast aus der Ära Loidolt überschattet Ihren Neubeginn: Der Schauspieler Nicolaus Hagg drohte mit einer Sammelklage vorm Arbeitsgericht, da Künstlerinnen und Künstler schon das zweite Jahr auf Gagen verzichten mussten. Wie ist hier der Letztstand?

Das weiß ich gar nicht. Die neue "Theater Reichenau GmbH" ist in dieses vor ihrer Gründung liegende Thema auch nicht involviert. Als Zeichen der Solidarität und im Sinne einer guten Übergabe werde ich allerdings mit "Des Teufels General" ein von meinen Vorgängern geplantes Stück übernehmen, in dem viele der Schauspielerinnen und Schauspieler mitwirken werden, die zuletzt vom Gagen-Entfall betroffen waren. Aber sonst gibt es für mich einen klaren Schnitt: Ich kümmere mich nicht um die Vergangenheit, sondern blicke nach vorne.

Zum Erfolgsrezept der Loidolts gehörte die Literatur des Fin de siècle, ein All-Star-Ensemble aus Burgtheater, Josefstadt und Volkstheater und eher konventionelle Regie. Führen Sie dieses Konzept weiter oder wagen Sie einen Bruch?

Ein Schiff, selbst wenn es zwei Jahre lang im Hafen lag, kann man nicht einfach so umdrehen, man muss den Kurs mit Bedacht und Sorgfalt justieren - und das habe ich vor. Ich orientiere mich am Bisherigen, setze etwa "Tschechows "Möwe" auf den Spielplan, aber ich schlage bei Komödien eine neue Richtung ein. Mit Neil Simons’ "Ein ungleiches Paar" - mit Petra Morzé und Fanny Stavjanik - zeige ich einen Autor, der weder mit der Region noch der Jahrhundertwende etwas zu tun hat. Neu ist auch die Zusammenarbeit mit Studierenden des Max-Reinhardt-Seminars, etwa bei Wedekinds "Frühlings Erwachen", hier ergeben sich durch meine Leitungsfunktion erfreuliche Synergien. Wir engagieren neue Bühnenbildner, bisher wurde die Ausstattung meist von Intendant Peter Loidolt selbst entworfen. Außerdem gibt es mit dem Schloss Reichenau eine neue Spielstätte, dort werden wir mit "Peter und der Wolf" ein Familienstück zeigen.

Was zeichnet das Sommertheater in Reichenau aus?

Reichenau ist ein Ort, an dem die Kunst und das künstlerische Wirken schon immer eine Heimat hatten. Diesen Esprit spürt man, sobald man am Bahnsteig steht, die Kaiserzeit spiegelt sich in den Gebäuden, es ist wie eine Zeitreise und diese Atmosphäre nimmt man mit ins Theater. Für die Künstlerinnen und Künstler ist Reichenau wie ein Klassentreffen: Man spielt mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Wiener Bühnen, der freien Szene oder dem Film. Ich verbinde viele schöne Erinnerungen mit Reichenau.