Was passiert, bevor man stirbt? In den letzten Augenblicken des Daseins, bevor das Herz stoppt, der Atem erlischt, das Bewusstsein schwindet? Der finale Moment im Leben löst in Simons Stephens’ jüngstem Stück "Am Ende Licht", das im Akademietheater gerade seine österreichische Erstaufführung erlebte, eine veritable Kettenreaktion aus: Christine stirbt während eines Einkaufs im Supermarkt an den Folgen einer Subarachnoidalblutung, einem Riss der Arterien. Der Dramatiker entfaltet ein Szenario, in dem die Protagonistin in den gezählten Lebenssekunden auf Erden ein letztes Mal ihre drei erwachsenen Kinder aufsucht, diesen gewissermaßen als Geistererscheinung Rede und Antwort steht.

Hart, aber herzlich

Der 50-jährige Stephens gehört zu den profiliertesten und meistgespielten britischen Dramatikern seiner Generation. Die besondere Qualität seiner Stücke liegt in ihrer vermeintlichen Schlichtheit - ohne großes Getöse enthüllen sich exakte Einblicke; wie nebenher tun sich hier Abgründe auf, der Schmerz findet sich bei diesem Dramatiker meist zwischen den Zeilen. In "Am Ende Licht" beschreibt er eine dysfunktionale Familie, in deren Zentrum die alkoholkranke und am Ende des Stückes zu Grabe getragene Christine steht.

Stephens versteht sich auf die Kunst des kritischen Well-made-Plays: Die handelnden Personen gehören meist der Unterschicht an, ihre Dialoge sind unsentimental, die Dramaturgie folgt mit raschen Szenenwechseln und ineinander verschränkten Episoden einer Filmdramaturgie, dennoch eine Dramatik, die am Ende einer stringenten Erzählung und gesellschaftspolitischen Konflikten verpflichtet bleibt. Häufig werden Stephens’ Dramen in einem realistischen Setting in Szene gesetzt, mit reduziert-naturalistischer Darstellungsweise. In Wien sah man zuletzt Katie Mitchells Inszenierung von "Wastwater" (2011) bei den Festwochen und das Anti-Kriegs-Drama "Motortown" (2008) in der Deutung Andrea Breths am Burgtheater.

Ganz anders geht nun Regisseurin Lilja Rupprecht im Akademietheater an die Sache: Die Bühne bei "Am Ende Licht" ist ein artifizieller nachtschwarzer Spielraum, in dem sich eigentümlich vermummte Wesen tummeln. Die Schauspielerinnen und Schauspieler tragen Masken und Perücken, durch die sie bis zur Unkenntlichkeit entstellt werden, sie wirken so monströs wie abstoßend. In der Schlussszene, während Christines Begräbnis, entledigen sich die Akteurinnen und Akteure ihrer Verkleidung. Im Angesicht des Todes steht man ohne Maske da - reicht das als Metapher?

Regisseurin Rupprecht setzt zudem technische und filmische Hilfsmittel ein, deren Mehrwert fraglich bleibt, zumindest bis auf die Schlussszene: Mittels 3D-Effekten sieht es ganz danach aus, als würden die Schauspieler inmitten des Universums agieren, die Sterne zum Greifen nah. Poesie trifft einen Moment lang Bühne.

Die meiste Zeit über jedoch hinterlässt die zweistündige Inszenierung den Eindruck, dass die Regie mit viel Technik und bizarrer Ausstattung regelrecht gegen das Stück ankämpft. Die besten Momente bietet die Aufführung immer dann, wenn sich das Bühnenpersonal gegen das Brimborium behauptet und spielt, was das Stück hergibt: "Am Ende Licht" ist ein bestechendes Drama, in dem die Familienmitglieder einander wirklich zugetan sind, trotz aller Verwerfungen und Probleme. Dorothee Hartinger glänzt dabei in der Rolle der Alkoholikerin Christine; Philipp Hauß verleiht seiner Figur des Liebhabers viel Tiefgang, Marie-Luise Stockinger spielt die beziehungsgeschädigte Jess nüchtern und punktgenau; Dunja Sowinetz und Norman Hacker sind als Tinder-Liebespaar gute szenische Momente gegönnt. Schauspieltheater, das sich leider sonst immer wieder im Leerlauf verliert.