Auf der Bühne des Volkstheaters ist ein raumfüllendes Bühnenbild eingerichtet, das den Zuschauerraum des Theaters nachbildet mit viel Blattgold und Stuck. In dem Theater-im-Theater-Szenario eröffnet das Schauspieler-Duo Elias Eilinghoff und Benze Mezei den Abend mit dem frei aus dem Englischen übersetzten Dialog: "Weißt du, was das, dieses? Was das eigentlich sein soll? Dieses Projekt?" - "Nein." - "Wie gut. Ich auch nicht." Auf dem Spielplan steht "Karoline und Kasimir - Noli me Tangere", eine Uraufführung des Nature Theater of Oklahoma, schon der Titel ist frei nach Ödön von Horváth, in dem die Protagonistin, anders als im Original, an erster Stelle genannt wird.

Bereits in den ersten Minuten wird also klar, dass in dieser Inszenierung das Theater selbst sowie seine vermeintlichen Gewissheiten zum Sujet erhoben werden.

Spaß mit Tiefgang

Das Nature Theater of Oklahoma, von Pavel Liska und Kelly Cooper 1996 in New York gegründet, arbeitet an der Schnittstelle zwischen Theater, Film und Laienkunst. Es zählt zu den Darlings der europäischen Kunstfestival-Szene, auch der heimischen: Beim steirischen herbst entstand das Mammutunternehmen "Die Kinder der Toten" (2017), in Wien war zuletzt bei den Wiener Festwochen die Western-Oper "Burt Turrido" (2021) zu erleben.

"Kasimir und Karoline"? Wird im Volkstheater im Schnelldurchlauf als epische Pantomime geboten: Ein Darsteller rezitiert die Zusammenfassung einer Szene, die restlichen Performer illustrieren das Vorgetragene mit Gestik und Mimik. In knapp 30 Minuten ist auf diese Weise Horváths Liebesdrama eines jungen Paares buchstäblich gezeigt, sodass die restlichen zweieinhalb Stunden für die wirklich wichtigen Themen reserviert sind. Wie Ödön von Horváths tragisches Ableben 1938, erschlagen in Paris von einem Ast.

Samouil Stoyanov verkörpert den Schriftsteller im Exil, herausragend das bittere Zwiegespräch mit dem "Spiegelbild", auf der Bühne dargestellt von Frank Genser. Die Textpassagen dazu stammen aus "Adieu Europa", Horváths letztem Buchprojekt, einem autobiografisch gefärbten Werk, in dem ein Schriftsteller als Ich-Erzähler über Migration berichtet. "Adieu Europa" blieb Fragment, 15 Seiten sind erhalten.

Viel Raum widmet die Inszenierung Horváths letztem Tag auf dieser Erde, der in zahllosen Biografien gut dokumentiert ist. Der Dichter wurde auf dem Heimweg von einem Treffen mit dem Regisseur Robert Siodmak von einem Gewitter überrascht und auf der Champs-Élysées von einem herabfallenden Ast erschlagen. Horváth war zum Zeitpunkt seines Todes 36 Jahre alt - und am Höhepunkt seines Schaffens. Der Tod hat an diesem Abend aber nicht das letzte Wort, in "Karoline und Kasimir - Noli Me Tangere" legt er nur eine weitere narrative Fährte.

Der Untertitel der Inszenierung spielt auf das Opus Magnum "Out1 - Noli me Tangere" des französischen Filmemachers Jacques Rivettes an. Der 13 Stunden lange Film des Nouvelle-Vague-Regisseurs, entstanden zwischen 1971 und 1990, erhob die Kunst der Improvisation zu einem zentralen Gestaltungselement und setzte sich, fast prophetisch, mit Verschwörungsfantasien auseinander.

Die fragwürdige Logik aus Vorahnung und Zufall, aus finsteren Komplotten und Heimsuchungen aller Art grundiert nun auch den Wiener Horváth-Abend. Das Künstlerduo Liska und Cooper entwirft ein Patchwork aus szenischen Miniaturen, die offenbar keiner festgelegten erzählerischen Struktur folgen, es erhebt zufällige Fundstücke, literarische Fragmente und mündliche Rede zum Textkörper. Versprecher willkommen. Ausrutscher erlaubt.

Die Nature-Truppe schreckt bekanntlich auch vor abgegriffenen Stilmitteln des Entertainments nicht zurück. Gut so. In "Karoline und Kasimir - Noli me Tangere" ist etwa eine eher simple Choreografie zu Ed Sheerans Hit "Shape of You" zu sehen, sowie die bizarre Nachzeichnung von Walt Disneys "Schneewittchen"-Verfilmung, inklusive Zwergen auf Rollschuhen und Cross-Dressing-Prinzessin.

Hinter der vermeintlich trashigen Oberfläche steckt indes formale Strenge und konzeptuelle Klarheit, der gekonnte Mix aus Theatertradition und zeitgenössischer Kunststrategie. Mit einem Wort: Theaterspaß mit Tiefgang.