Gut möglich, dass sie die Anekdote schon einige dutzend Mal erzählt hat. Nadine Sierra vermittelt sie trotzdem mit sprühendem Enthusiasmus: Als die US-Amerikanerin aus Fort Lauderdale, Florida, ins schulpflichtige Alter kam, hat ihre Mutter eine Videokassette aus einer örtlichen Bibliothek ausgeborgt. Darauf zu sehen: Der Opernklassiker "La bohème" in der Regie von Franco Zeffirelli an der New Yorker Met. Nicht unbedingt das, was sechsjährige Mädchen gemeinhin entzückt. Doch Sierra verfiel dem Musikdrama mit Haut und Haar. So sehr, dass sie das Video nicht mehr hergeben wollte und es dermaßen oft abspielte, dass das Band riss. "Meine Eltern mussten einen Spezialisten finden, um die Kassette zu reparieren; die VHS-Bänder waren damals schon veraltet", erzählt sie.

Heute ist Nadine Sierra das, was man eine internationale Opernsängerin nennt. Die New Yorker Met, die Mailänder Scala, auch die Staatsopern von Berlin und München zählen zu den Arbeitsorten der Sopranistin. Wobei: Hierzulande ist sie noch ein unbeschriebenes Blatt. Sierra bestätigt das im Interview unverblümt: "Die Wiener Staatsoper hat mich bisher nicht gefragt"; den einzigen hiesigen Auftritt hatte sie bei einem Benefiz von Juan Diego Flórez im Musikverein.

Allein mit dem Handy

Nun lernt die Frau, die auf dem Label DG soeben ihr zweites Solo-Album vorgelegt hat ("Made for Opera"), das Wiener Konzerthaus kennen. Am Donnerstag steht sie gemeinsam mit Kollegin Pretty Yende bei einem Konzert der "Great Voices"-Serie auf der Bühne, geboten wird ein kunterbunter Mix aus Arien und Duetten von Mozart über Rossini bis Lehár und Bernstein. Wie kam’s zu dem Projekt mit dem südafrikanischen Sopran? "Pretty und ich sind seit langem gute Freundinnen, wir haben dasselbe Management und auch denselben Vocal Coach, Kamal Khan." Der gemeinsame Auftritt soll in Budapest und Paris Wiederholung finden.

Der praktische Vorteil solcher Konzerttermine: Sie benötigen deutlich weniger Planungsvorlauf als eine Opernproduktion, können also passgenau zwischen bereits bestehende Termine eingefügt werden. Sierra reichert mit dem Duo-Abend einen längeren Europa-Aufenthalt an: In der Vorwoche hat sie Konzerte in Berlin bestritten, Mitte März wird sie die Lucia di Lammermoor in München singen und dann in die USA reisen. Wo wohnt sie eigentlich? Seit 2016 hat sie ein Appartement im Big Apple. Aber: "Jedes Mal, wenn ich nach New York zurückkomme, weiß ich nicht, in welche Richtung ich den Schlüssel an der Tür drehen muss."

Was die US-Amerikanerin mit der aparten Stimme dafür auf ihren langen Reisen ausgezeichnet gelernt hat: ihren Instagram-Account zu füttern. Die Fotos präsentieren die 33-Jährige beim Singen im Swimming Pool, im Galakleid und im Kuschelpyjama - 62.000 Abonnenten schauen zu. Welches Selbstbild will Sierra mit diesem ästhetischen Panoptikum, zwischen Glamourrobe und Backstage-Alltag, vermitteln? Nicht das Image einer Diva oder Primadonna, sagt die Frau mit den portugiesisch-puertorikanischen Wurzeln: Sierra sieht sich eher als eine "erdige Opernsängerin", sie stehe "mit beiden Beinen auf dem Boden". "Viele meiner Follower sind junge, aufstrebende Sängerinnen. Ich möchte ihnen auf Instagram eine Seite von mir zeigen, die es erlaubt, einen Bezug zu mir aufzubauen." Wobei hinter den Postings natürlich auch profane Gründe stecken: "Ich reise alleine, das Spielen mit dem Handy unterhält mich. Es hilft mir, die Dinge abseits des Musikmachens leicht zu halten."

Lockdowns als Segen und Fluch

Dass die Lockdowns ihre rege Reistätigkeit unterbrachen, hatte durchaus auch Vorteile für Sierra: "Ich verbrachte viel Zeit mit der Familie, das war heilsam und therapeutisch." Und es gab ihr Gelegenheit, ihr Leben neu zu ordnen. Wobei manches dann doch unverhofft in der Zeit passierte. Drei Corona-Infektionen etwa, die sie bisher hinter sich hat. Und eine Trennung: "Ich geriet mit meinem jetzigen Ex-Verlobten in einen Lockdown in Valencia. Das ist auch der Grund dafür, warum wir jetzt Ex-Partner sind." Künstlerisch sei ebenfalls manches bitter gewesen. Etwa Mozarts "Nozze di Figaro" im Vorjahr in Berlin. Das war minutiös einstudiert worden, durfte dann aber nur einmal, ohne Publikum, vor den Streaming-Kameras gezeigt werden.

Apropos Fernsehübertragung: Das Video von der anfangs erwähnten "Bohème" wird bis heute von Sierras Familie gehortet, und es nährt weiterhin einen Traum der Sängerin - nämlich selbst in dieser Produktion mitzuwirken, die immer noch auf dem Spielplan der Met steht. Wird zwar noch etwas Zeit vergehen, bis Sierra in die dramatische Rolle der Mimì hineinwächst. Aber: "Ich habe Intendant Peter Gelb schon gebeten, mich eines Tages dafür einzusetzen. Ich werde noch einige Jahre warten müssen und hoffe, er tut es auch."