Neue Zeiten für das Theatermuseum: Die Wiener Kuratorin, Musikdramaturgin und Publizistin Marie-Theres Arnbom ist seit Jahresbeginn Direktorin des zum KHM-Museumsverband gehörenden Theatermuseums. Die 54-Jährige folgt auf Langzeitleiter Thomas Trabitsch, der in den Ruhestand getreten ist.

Welche Richtung schlägt das Theatermuseum künftig ein? Direktorin Arnbom sprach mit der "Wiener Zeitung" über ihre Vorhaben und ihr Theaterverständnis.

"Wiener Zeitung":Sie wollen das Theatermuseum für breitere Publikumsschichten öffnen. Was darf man von Ihnen erwarten?

Marie-Theres Arnbom: Ich bitte noch um etwas Geduld, aber im Herbst werden wir das Theatermuseum mit einer großen Ausstellung zum Thema "Austropop" eröffnen. Bereits der Titel ist Programm: Ich möchte den Theaterbegriff erweitern und das Theater als kulturhistorisches und gesellschaftliches Phänomen ergründen. Die Eröffnungsausstellung wird Verbindungen von Nestroy bis zum Nino aus Wien ziehen, von Wolfgang Amadeus Mozart bis zu Falcos Hit "Amadeus". Ich scheue die Nähe zum Populären keineswegs und möchte mich verstärkt mit gesellschaftskritischen Aspekten auseinandersetzen. Die erste Ausstellung werden wir im Verbund mit den Kuratorinnen und Kuratoren des Hauses im Team entwickeln.

In Ihrem Konzept sprechen Sie auch von Veranstaltungen etwa im Eroica-Saal, die gab es aber bisher auch schon, was wird jetzt anders?

Ich möchte Reihen etablieren, die von einzelnen Künstlerinnen und Künstlern kuratiert werden.

Wen werden Sie beauftragen?

Namen möchte ich jetzt noch nicht nennen. Außerdem wird es ein eigenes Programm für Kinder geben, ich kuratiere seit 17 Jahren Kinderkonzerte.

Eine Besonderheit des Theatermuseums ist Richard Teschners Figurenspiegel, ein symbolistisches Figurentheater, mit fantastischen Objekten und einem kompletten Bühnenbild. Aufführungen von Teschners Stücken finden kaum statt. Was haben Sie mit diesem Prunkstück der Sammlung vor?

Teschners Figurenspiel ist etwas weltweit Einzigartiges, das im Haus kenntnisreich gewartet und betreut wird, es verdient einen höheren Bekanntheitsgrad, allerdings sind die personellen Ressourcen knapp. Wie sich das ausbauen lässt, weiß ich derzeit noch nicht.

Streben Sie Verbindungen mit der Wiener Theaterlandschaft an?

Absolut, eine enge Zusammenarbeit mit den Bühnen ist mir wichtig. Zu meinen langfristigen Zielen gehört es, dass in jedem Theater und an jedem Festspielort des Landes ein Objekt aus dem Theatermuseum ausgestellt ist. Damit will ich erreichen, dass das Theatermuseum bei den Theaterbesucherinnen und -besuchern mehr ins Bewusstsein rückt.

Theaterausstellungen kämpfen häufig mit dem Widerspruch, dass leblose Objekte eine lebendige Kunstform darstellen. Was haben Sie hier vor?

Eine Ausstellungsarchitektur mit ein paar Glasvitrinen, in denen sich Briefe und Fotos befinden, entspricht nicht unbedingt meinem Verständnis. Ich stelle mir Ausstellungen eher wie eine Inszenierung vor, die Architektur sollte eher einem Bühnenbild gleichen. Auch möchte ich mich verstärkt mit Themen aus der Musikwelt auseinandersetzen.

Auch bisher gab es Ausstellungen rund um musikalische Themen. Wie halten Sie es indes mit Sprechtheater, Performance und Tanz? Noch dazu in einer Theaterlandschaft, die zunehmend von Genreüberschreitungen geprägt ist.

Das soll alles Platz haben! Ich kann mir auch eine Ausstellung über den Zirkus vorstellen, auch das ist Theater. Mir geht es darum, die darstellende Kunst in ihrer gesamten Bandbreite zu erfassen. Ich möchte auch Schauspielschulen ansprechen, wir könnten hier sogar Workshops anbieten.

Suchen Sie auch den Kontakt zur freien Szene?

Absolut. Wir sind ein Bundesmuseum und ich werde mit den Bundestheatern zusammenarbeiten, aber ich bin auch offen für alle anderen. Es gibt viele Möglichkeiten, um gemeinsam Projekte zu entwickeln, die auch jüngere Besuchergruppen ansprechen.

Welche Ziele verfolgen Sie bezüglich Forschung und Sammlung?

Als Wissenschaftlerin würde ich gern die Forschungstätigkeit des Hauses mehr vor den Vorhang holen. Wir denken über neue Formen der Publikation nach und wollen verstärkt mit Universitätsinstituten zusammenarbeiten, das muss nicht nur die Theaterwissenschaft sein, unsere Bestände sind für Historiker und Architekten genauso interessant.

In Ihren eigenen Büchern haben Sie sich mit Bürgertumsforschung und der Migration während der NS-Zeit auseinandergesetzt. Was interessiert Sie daran?

Schon als Vierjährige bin ich bei den Freundinnen meiner Urgroßmutter gesessen und habe ihnen zugehört, wenn sie von früher sprachen. Die Erzählungen von einer untergegangenen Welt haben mich von klein auf fasziniert. Forschungen rund um die Vertreibung und Verfolgung von Juden während der NS-Zeit ist zu einem meiner Herzensanliegen geworden. Ich möchte den Nachfahren etwas von ihrer Familiengeschichte zurückgeben, viele wissen wenig über die Lebensumstände ihrer österreichischen Ursprungsfamilien.