"Diejenigen, die gerade an der Macht sind, haben per se Recht – unabhängig davon, welche Entscheidungen sie treffen", diese beklemmende Gegenwartsdiagnose stammt aus Artur Solomonovs jüngstem Stück "Wie wir Josef Stalin beerdigten". Die Satire wurde am 27. Februar 2022, nur drei Tage nach Kriegsbeginn, im Moskauer "Teatr.doc" uraufgeführt und ist soeben im Wiener Verlag danzig & unfried auf Deutsch erschienen. Der 45-jährige Dramatiker lebt derzeit in Moskau, das Interview fand per E-Mail statt und wurde von Katia Kollmann übersetzt.

Wiener Zeitung: Wie erleben Sie diese Tage seit Kriegsbeginn in Moskau?

Artur Solomonov: Ich habe schon viele Jahre lang das Gefühl, dass ich mich mitten in einem surrealistischen Film befinde. Jegliche Logik ist außer Kraft gesetzt. Jederzeit kann über dich irgendein Ereignis hereinbrechen, alles ist Fata Morgana oder Fake. Nichts ist, was es scheint. Dass sich das Maß an Absurdität, das das Leben in Russland an sich kennzeichnet, zu dem jetzigen Ausmaß hochschrauben konnte, darin liegt meiner Meinung nach eine gewisse Konsequenz. Das sagt mir der Verstand. Zu meinem Gefühlshaushalt: Am 24. Februar war ich am Boden zerstört. Aber bis heute bleibt ein Rest Ungläubigkeit, wenn ich die Bilder des Krieges sehe. Was ich aber verstanden habe: Wenn die Logik erst einmal abgeschafft ist und der Verstand überhaupt nicht mehr zählt, dann kann wirklich alles eintreten. Auch das Schlimmste. 

Der Dramatiker und Theaterkritiker Artur Solomonov. 
- © Marat Mullyev

Der Dramatiker und Theaterkritiker Artur Solomonov.

- © Marat Mullyev

Was erfährt man in Moskau vom Kriegsgeschehen?

Der Krieg ist drei Tage vor der Premiere meines Stücks "Wie wir Josef Stalin beerdigten" im Moskauer "Teatr. doc" ausgebrochen. Alle standen unter Schock und waren verzweifelt. Ist es moralisch noch vertretbar, diese Premiere stattfinden zu lassen, fragten wir uns. Andererseits, würde das nicht einer Kapitulation gleichkommen, wenn wir gerade jetzt ein Stück vom Spielplan nehmen, das der Entstehung des Totalitarismus und dem Unvermögen, von ihm loszukommen, gewidmet ist? Wir haben entschieden: Die Premiere findet statt. Und so kommt das Publikum am 27. Februar ins Theater. Es war das unglücklichste und hoffnungsloseste Publikum, das mir je begegnet ist. Die Gespräche im Foyer drehten sich nur um den Krieg: viele sagten, sie würden vor Scham im Boden versinken, seien von Schuldgefühlen gequält und von dem Zustand der Ohnmacht, nichts tun  zu können. Vor diesem Kontext findet nun die Premiere eines Theaterstücks statt, das die Rückkehr des Stalinismus verhandelt: eine fast unheimliche Gleichzeitigkeit der Ereignisse. Nach der Vorstellung kamen einige Zuschauer zu uns und sagten, ihnen sei fast das Herz stehen geblieben, als auf der Bühne geschrien wurde: "Der Staat benötigt Leichen! Er benötigt Tote! Der Mensch ist nichts, der Staat ist alles!" Bei Probenbeginn standen diese Sätze definitiv nicht im Fokus, die Realität setzt dann neue Akzente.   

Wer in Russland Kunst macht, muss mit Widerstand rechnen: Das Foto zeigt einen Demonstranten gegen Solomonovs "Stalin"-Stück in Chelyabinsk. Auf dem Plakat steht: Hände weg von Stalin.  
- © Marat Mulliev

Wer in Russland Kunst macht, muss mit Widerstand rechnen: Das Foto zeigt einen Demonstranten gegen Solomonovs "Stalin"-Stück in Chelyabinsk. Auf dem Plakat steht: Hände weg von Stalin. 

- © Marat Mulliev

Wie blicken Sie auf die Ukraine?

Ich rufe die ganze Zeit meine Freunde in Kiew und Odessa an. Das sind wohl die traurigsten Gespräche, die ich je geführt habe. Meine Bekannten aus Charkiw berichten mir, dass ihr Haus nicht mehr steht, der Spielplatz zerstört ist. Die Freundin aus Kiew erzählt, dass sie bald durchgedreht ist von dem ständigen Sirenengeheul, dem Laufen in den Bunker, dem Bewusstsein, die ganze Zeit in Lebensgefahr zu schweben. Sie ist jetzt nicht mehr in der Ukraine, sie, die nie weg wollte! Die Ukrainerinnen und Ukrainer wollten doch nur ihr eigenes Land nach ihren Bedürfnissen gestalten! Und hier erzählen sie uns, dass irgendwer "gerettet" werden muss, dass diese "Spezialoperation" aus Liebe zu der russischen beziehungsweise russischsprachigen Bevölkerung in der Ukraine durchgeführt wird! Ach ja, diese russische "Liebe" zu den anderen Völkern! Auf dass nur in ihrem Feuer nicht unsere Nachbarn verbrennen und am Ende wir selbst. Ich rede so, denn ich betrachte diesen Krieg als wegweisend für Russland in jeder Hinsicht, auf der moralischen, politischen, aber auch ökonomischen Ebene.

Wladimir Putin sprach von der Entnazifierung der Ukraine, die angeblich ein Ziel seiner militärischen Intervention sei, zugleich hat die Ukraine einen jüdischen Präsidenten, wie geht das zusammen?

Logik und Verstand sind abgeschafft. Unsere Machthaber führen einen Verteidigungskrieg, kämpfen für den Frieden, zerstören, um zu beglücken. Momentan ist jeder, der sich in Russland mit der Losung "Nein zum Krieg" positioniert, ein Extremist. Gesten habe ich ein Video gesehen, in dem ein Polizist das "Nein zum Krieg", das jemand in den Schnee geschrieben hatte, mit seinen Stiefeln platt machte. So spielt es auch überhaupt keine Rolle, dass an der Spitze des "nazistischen ukrainischen Staates" ein Jude ist, das kann doch ein listiger Plan der "Nazisten" sein, sozusagen ein Ablenkungsmanöver… Wichtig ist, am Anfang der "Spezialoperation" Schlagworte zu nennen, die bewusst die Bevölkerung verblenden: Nazismus, Faschismus und Sieg. Schlagworte, mit denen man in den letzten zehn Jahren das Bewusstsein der Massen geformt hat.

Flüchtlinge aus der Ukraine kommen am Wiener Hauptbahnhof an.  
- © APA/TOBIAS STEINMAURER

Flüchtlinge aus der Ukraine kommen am Wiener Hauptbahnhof an. 

- © APA/TOBIAS STEINMAURER

In Ihrem jüngsten Stück "Wie wir Josef Stalin beerdigten" hinterfragen Sie die gegenwärtige russische Realität, Sie zeigen auf satirische Weise auf, wie sich die autoritäre Vergangenheit und die Stalin-Verehrung, der Gegenwart bemächtigt – das Stück erweist sich dabei als geradezu prophetisch. Wieso tut sich Russland so schwer damit, die kommunistische Vergangenheit aufzuarbeiten?

Es geht eigentlich gar nicht so sehr um die genuin kommunistische Vergangenheit. Momentan formiert sich in Russland ein "Über-Imperium", das unter dem Deckmantel der Ideologie viel Verschiedenes absorbiert und darum ohne Ende Widersprüche produziert. Zum Beispiel wird die ganze Vergangenheit idealisiert: das Zarenreich und die Sowjetunion, die Kiewer Rus und das 20. Jahrhundert, die orthodoxe Kirche und der Atheismus. Das heutige Russland soll in sich alle historischen Etappen und historischen Symbole vereinen, ohne Diskurs sollen sich Stalin und Nikolaus II., Lenin und Katharina die Große, die Zaren, aber auch die Zarenmörder vereinigen. Das hat natürlich keinen besonders guten Einfluss auf unsere mentale Gesundheit.  Was den Kommunismus betrifft, für diese Idee setzt sich niemand ein, die "Kommunistische Partei" ist Teil des großen Fakes. Von der kommunistischen Vergangenheit wird heute nur die Idee, eine Großmacht sein zu wollen, übernommen und der Mythos eines einigen sowjetischen Volkes. Ein Großteil der Bevölkerung hat in den letzten zwanzig Jahren - manipuliert durch die ständige Propaganda – begonnen, die Vergangenheit zu verklären und möchte sie zurück. Das ist komisch und tragisch zugleich, denn sogar junge Leute sehnen sich jetzt in diese Vergangenheit zurück, in der sie nie gelebt haben. Und jetzt sehen wir das grausame Ergebnis dieser Kollektiv-Nostalgie.

Wie beurteilen Sie den Ausschluss von russischen Künstler im Westen – etwa des Dirigenten Gergiev?

Im Augenblick geht es ja um Kulturschaffende, die im wörtlichen Sinne jede Initiative Putins gutgeheißen und unterstützt haben. Jetzt steht die Frage im Raum: trägst du die Verantwortung für die Mannschaft, in der du so lange mitgespielt hast? Ich würde mir, was Gergiev betrifft, keine großen Sorgen um ihn machen, in der Heimat geht es ihm immer noch sehr gut, da sind für ihn Bedingungen geschaffen worden, die sich europäische Musiker im Traum nicht vorstellen können.  

Um den russischem Dirigenten Gergijev müsse man sich keine Sorgen machen, so Artur Solomonov. 
- © APA/dpa/Peter Kneffel

Um den russischem Dirigenten Gergijev müsse man sich keine Sorgen machen, so Artur Solomonov.

- © APA/dpa/Peter Kneffel

Welche Rolle vermag die Kunst, das Theater in dieser Ausnahmesituation einzunehmen?

Wenn sich in Russland das Theater mit gewissen Themen befasst, muss es mit einem stürmischen bis erdbebenartigen Echo rechnen. Ich habe damit meine Erfahrungen gemacht. Als im vergangenen Jahr mein Stalin-Stück in Tscheljabinsk im Ural uraufgeführt wurde, kam es schon während der Premiere  zu Protesten. Es standen Leute mit "Hände weg von Stalin"-Schildern vorm Theater. Dass es in der russischen Gesellschaft diese erdbebenartigen Reaktionen auf Theater und Literatur gibt, hängt damit zusammen, dass es in Russland nichts mehr gibt außer Machthaber und Kunst. Gerichtsbarkeit, Presse, zivilgesellschaftliche Organisationen, Parteien, die Duma – das ist alles Fiktion. Nur die Machthaber sind real und auch die Kunst. Aus diesem Grund erwartet in Russland das Publikum von den Künsten, vom Theater im Besonderen, das große Ganze und die starke Erschütterung. Es möchte sogar, dass die Kunst ihm hilft beim Verstehen, was wirklich in diesem Land vor sich geht. Aus diesem Grund hat die Kunst in Russland eine besondere Funktion, im Grunde eine Mission zu erfüllen. Sich ihr zu widmen, ist gefährlich (wenn man sich nicht mit denen an der Macht verbünden will), im Zuge dieser Umstände aber hat man das Gefühl, dass man wirklich etwas Sinnvolles leistet.