Nur Städter sagen, dass sie "auf den Berg" gehen. "Eingeborene" sagen, dass sie "in die Berg" gehen. Diese sprachliche Feinheit mit ihren Interpretationsmöglichkeiten ist einer der Grundpfeiler des Stücks "Adern". Da tritt der Berg nämlich als "die Berg" selbst auf: Eine Frau (Elisa Plüss), fragil im weißen Nachthemd, eröffnet das Drama mit einer lyrischen Bestandsaufnahme der Beziehung Mensch und Erzbereitsteller. Brixlegg, 1953 stand zuvor zur zeitlichen Einordnung auf der Bühnenwand. In diesem Jahr holt Rudolf (Markus Hering) Aloysia (Sarah Viktoria Frick) und ihre Tocher Frieda (Lieselotte Leineweber) am Bahnhof ab.

Aloysia hat sich auf eine Annonce gemeldet, eine Art Nachkriegsparship: Rudolfs Frau ist an Keuchhusten gestorben, nun sucht er eine Mutter für seine fünf Kinder. Die Leute schauen immer so komisch, wenn er als Mann mit dem Kinderwagen geht. Aloysia wiederum steht mit ihrem "Besatzungskind" ohne Vater da - Win-win-Situation für beide. Das Anbahnungsgespräch ist gleichermaßen von Pragmatismus und Verlegenheit geprägt. Aloysia kommt wieder - um zu bleiben. Immerhin war sie die Einzige, die Rudis Kinder mögen. Ihre Schwester Hertha, die in St. Pölten bei der Mutter bleibt, kann sie nicht umstimmen (Andrea Wenzl mit einer fast greifbaren Wolke der Unzufriedenheit um sich). Denn es gibt da von Anfang an diese Verbindung zwischen Rudi und Aloysia, die über eine Zweckgemeinschaft hinausgeht - und wenn sie sich nur im stillen Verständnis über die Notwendigkeit eines Schnapserls äußert. Oder in der Erwiderung von Rudis patscherten, aber rührenden Versuchs der körperlichen Annäherung: ein Ellbogenrempler.

Das Stück von Lisa Wentz, das am Sonntag im Akademietheater in der Regie von David Bösch uraufgeführt wurde, begleitet diese Patchworkfamilie bis ins Jahr 1972. Dass die Zeit vergeht, erkennt man daran, dass im spärlich eingerichteten Haus (Bühne: Patrick Bannwart) erst ein Radio einzieht, dann ein Fernseher, und schließlich wird auch Rudis älteste Tochter schwanger. Das führt zum Bruch mit dem Vater, aber nicht wegen dem Kind, sondern weil Theres (auch Elisa Plüss) "unter den Berg" übersiedeln will.

Geheimes Trauma

Nicht erst da bricht das Trauma des Bergmanns aus Rudi heraus: "Mein Leben lang hab ich versucht, vom Berg wegzukommen, und die zieht genau hin!" Immer wieder wird er von Träumen heimgesucht, die ihn zurückführen zu einem Unglück, zu einer einem Kameraden verweigerten Rettung, zur Sprengung der Anlage, in der Zwangsarbeiter Kriegsflugzeugteile herstellten - was tatsächlich passiert ist und ihn schicksalshaft mit seinem Freund Danzel (Daniel Jesch) verbindet, bleibt im Dunkeln. Oder wie Aloysia sagt: "Der Krieg war halt der Krieg". Frick spielt diese Frau mit der anpackenden Nüchternheit, die diesen Nachkriegsfrauen so eigen war. Ihr Zusammenspiel mit Hering, der sich jedes bisschen Glück abringt, ist ein Glücksfall für das Stück und seine heute unübliche Einfachheit.

Wagemutiger wäre es gewesen, sich dieser Simplizität eines "neuen Volksstücks" komplett zu ergeben, die negligierte Bergfrau und ihre Naturausbeutungspoesie wirkt mitunter gekünstelt aufgepfropft, die Musik von Karsten Riedel etwas unentschieden. Nicht nur wegen seiner pausenlosen Länge von 90 Minuten hat dieser Theaterabend etwas Filmisches - und einen Nachklang, der einen vielleicht wieder einmal die alten Fotos der Ur- und Großmüttergeneration hervorzukramen.