Er hat am Filmset mit Ralph Fiennes gearbeitet, inszeniert an den führenden Theatern und ist mittlerweile auch an den Opernhäusern beliebt: Der australisch-schweizerische Künstler Simon Stone zählt zu den umworbensten Regisseuren dieser Tage. Momentan erarbeitet er an der Wiener Staatsoper Alban Bergs "Wozzeck" (Premiere am Montag, 21. März); die "Wiener Zeitung" traf ihn zwischen den Proben.

"Wiener Zeitung": Hat der Krieg für Sie berufliche Folgen, müssen Sie über die Absage von Projekten nachdenken?

Simon Stone: Bis jetzt nicht, ich hatte keine Projekte in Russland geplant. Es ist schrecklich, dass wir jetzt wieder darüber nachdenken müssen, mit wem wir aus politischen Gründen arbeiten sollen. Aber es ist wichtig, dass wir Künstlerinnen und Künstler ein Zeichen setzen, wofür wir stehen. Falls es nötig wäre, würde ich Projekte aufgeben.

Ist die Arbeit mit russischen Künstlern derzeit heikel oder schwierig?

Nein, eine Regierung repräsentiert ja nicht alle Menschen eines Landes. Als die US-Streitkräfte im Irak gekämpft haben, habe ich mit vielen Kunstschaffenden aus den Vereinigten Staaten geredet, und nicht jede oder jeder stand hinter Präsident George W. Bush. Auch das war ein ungerechter Krieg. Was wir jetzt in der Ukraine erleben, ist zwar ein anderes Maß an Bösartigkeit. Aber der Westen soll nicht denken, dass er nicht auch ungerechtfertigte Invasionen gestartet hat. Im Fall des Irak gab’s keinen Boykott gegen amerikanische Künstlerinnen und Künstler.

Sie übertragen klassische Stoffe auf die Gegenwart, haben Cherubinis Oper "Médée" in Salzburg als Flüchtlingsdrama gezeigt. Könnten Sie sich vorstellen, ein Stück in einem heutigen Kriegsszenario anzusiedeln?

Natürlich. Als Opernregisseur versuche ich, eine Handlung im Rahmen einer heutigen Realität zu erzählen. Ich will, dass man die Parallele zu unserer Zeit sieht. Wenn es in einer Oper um einen Krieg ginge, wäre ein solcher Bezug denkbar. Ich beschäftige mich prinzipiell nur mit Stücken, ob im Theater oder in der Oper, in denen ich eine Relevanz für unsere Zeit fühle. Dann suche ich nach einer Umsetzung, um das Publikum zum Nachdenken zu bringen. Mich interessiert, wie sich Vergangenheit ständig wiederholt. In meinen Stücken hat die arrogante Behauptung, wir seien besser geworden, keinen Platz. Niemand hätte gedacht, dass in Europa je wieder so ein Krieg stattfinden könnte. Aber jetzt fühlt man sich ein wenig wie in den 1930er, 40er Jahren und fragt sich, ob wir aus dem Zweiten Weltkrieg nichts gelernt haben.

Sehen Sie einen zivilisatorischen Fortschritt in der Menschheitsgeschichte?

Ein technologischer Fortschritt hat stattgefunden. Aber dies kann darüber hinwegtäuschen, wie gefährlich nah wir weiterhin einem mittelalterlichen Geisteszustand sind. Wir halten uns für offen und liberal, sind über das Internet mit der Welt verbunden. Aber unser Fortschritt ist oberflächlich, wir könnten in Sekunden alles davon verlieren. An manchen Missständen ändert sich nicht viel, Beispiel Femizid: Es ist schrecklich, wie viele Frauen in Österreich von Partnern oder Ex-Partnern umgebracht werden. Wir arbeiten jetzt an der Staatsoper an Alban Bergs "Wozzeck"; Georg Büchner hat dafür in den 1830er Jahren die Vorlage ("Woyzeck", Anm.) geschrieben, auch darin geht es um einen Frauenmord. Ich inszeniere diese Oper modern, um zu zeigen: Wir haben uns seit damals nicht verbessert.

Sehen Sie Wozzecks Mord an seiner Frau Marie als das Thema der Oper - nicht den allmählichen Untergang eines gedemütigten Protagonisten?

Der Femizid ist für mich nicht das zentrale, aber doch ein Thema dieser Oper. Man kann nicht sagen, Wozzeck sei nur ein Opfer. Er gehört zu jenen armen Leuten, die an den Rand der Gesellschaft gedrückt werden, er wird von seinen Vorgesetzten missbraucht und verprügelt und gibt diese Gewalt weiter - wodurch seine Frau zum Opfer wird. Solche Menschen könnte man rechtzeitig auffangen, die unheilvollen Vorzeichen sind schon anfangs ersichtlich. Aber keiner tut das, und so macht der ignorierte Verrückte dann irgendwann etwas Verrücktes. Und die Gesellschaft gibt ihm allein die Schuld.

Wo siedeln Sie die Geschichte an?

In der Gegenwart, in dieser Stadt.

Sie zählen zu den gefragtesten Theaterregisseuren der Gegenwart, sind auch im Filmbereich etabliert. Warum haben Sie sich in den Vorjahren außerdem der Oper zugewandt?

Ich habe meine erste Oper in Wien gesehen; ich war elf, glaube ich. Meine Familie wohnte damals in Cambridge, wir waren auf Urlaub zwischen Weihnachten und Silvester in Österreich und hatten jeden Abend Stehplätze für die Staatsoper und Volksoper. Wenn eine Oper gut funktioniert, ist sie eine Kunstform, die alles schafft. Als Regisseur reizt mich die Aufgabe, beim Erzählen auch auf Musik Rücksicht zu nehmen. Und man muss in der Oper kreativ sein und darf nicht faul werden. Ich kann nicht einfach eine Szene streichen wie im Schauspiel, weil ich dafür keine Idee habe, sondern muss eine Lösung finden. So sehr ich die Freiheit der Schauspielbühne genieße, mag ich diese Herausforderung.

Als Schauspielregisseur verarbeiten Sie gern mehrere Stücke eines Autors zu einem Theaterabend mit weitgehend neuem Text. Was reizt Sie daran?

Maxim Gorki hat mehrere Stücke geschrieben, die im selben Kosmos stattfinden, ich habe seine Dramen "Feinde" und "Kinder der Sonne" für mein Stück "Komplizen" im Burgtheater verwendet. Es gibt Figuren, die anscheinend in mehreren Werken eines Autors oder einer Autorin auftauchen, auch bei Henrik Ibsen und Anton Tschechow. Warum nicht ein bisschen etwas von diesen verwandten Plots verwenden? Manchmal erscheint mir ein Akt eines Stücks für unsere Zeit nicht mehr relevant, dann ersetze ich ihn auf diese Art. Mich interessiert, wie ein Autor oder eine Autorin eine Welt erfindet. Die Handlung ist manchmal weniger wichtig als die transportierte Stimmung. Ich mag es, in den Kosmos eines Autors oder einer Autorin einzutauchen und mich zu fragen, wie er oder sie heute schreiben würde.

Könnten diese Arbeiten die Vorstufe zu eigenen Stücken von Ihnen sein?

Ich müsste mich vor ein leeres Blatt setzen und anfangen, eine Geschichte zu erzählen. Das wird wahrscheinlich eine Phase in meinem Leben sein. Aber schauen wir einmal.

Wie hat sich der Stillstand während der Lockdowns angefühlt? War das irritierend für Sie oder eine Erholung?

Ich habe weitergearbeitet, ohne Pause. Ich glaube, es waren sieben oder acht Stücke während der Pandemie, wir durften sie damals aber nicht zeigen. Es war Arbeiten ohne Spaß. Man probt am Tag und kann am Abend nicht essen gehen oder etwas trinken. Für viele Menschen war das allerdings eine existenziell sehr schwierige Zeit. Die Folgen werden uns noch begleiten.

Inwiefern?

Die Menschen sind schlechter gelaunt als früher. Was wir brauchen würden, sind gute Nachrichten! Ich musste während Corona keine existenziellen Ängste haben, das war mein Glück, aber auch ich habe der Krise Tribut gezollt. Der Mensch hat eine bacchantische Seite, die er ausleben muss. Wir machen Partys, um Dampf abzulassen. Zwei Jahre hatten wir kein solches Ventil. Um am Montag normal arbeiten zu gehen, müssen wir am Wochenende ein bisschen verrückt sein können.