Im weißen Tutu und weißem Federndiadem trippelt sie zu Peter I. Tschaikowskis imposanter "Schwanensee"-Musik in die Arme ihres Prinzen. Er hebt sie, dreht sich dabei um sich selbst und setzt sie vorsichtig wieder ab.

Sehr vorsichtig.

Eigentlich vorsichtiger als üblich. Er hat einen triftigen Grund dafür: Unter den in Satin bekleideten Füßen befindet sich kein rutschfester Tanzboden. Es ist vielmehr ein knallgelber, glatter Kampfpanzer. Und der Prinz ist kein Prinz, sondern ein Tänzer in schwarzer Uniform mit Barett. Manche Medien hätten ihn sogar als Soldaten der belarussischen Panzereinheit identifiziert. Aber dafür waren die Griffe bei den Hebungen zu perfekt. Hier wird eine bekannte Szene, nämlich das Finale des Ballettklassikers "Schwanensee" in einer Minimalversion getanzt. Nämlich auf einem Kampfpanzer. Während im Hintergrund etliche andere Panzer einander in Schlangenlinien um kreisen. Es war die im Moskauer Patriot Park stattfindende Schau ArMI-2021 im vorigen Jahr, bei der eine Reihe neuer bewaffneter Fahrzeuge, Waffensysteme, Flugzeuge und vieles mehr vorgestellt wurde.

August-Putsch mit "Schwanensee"-Loop

Die einzige Aneignung des Klassikers "Schwanensee" und dessen Protagonisten zu russischen Machtdemonstrationen war dieser Panzertanz keineswegs: Zwei Jahre zuvor wurde nämlich ein exzentrisches Fotoshooting zum Internationalen Frauentag publik, bei dem bewaffnete und getarnte Soldaten neben Ballerinen in einer leeren U-Bahn-Station posierten. Und nicht zu vergessen ist auch der August-Putsch im Jahr 1991, als "Schwanensee" in einer Endlosschleife im sowjetischen Fernsehen lief. Kommunistische Hardliner versuchten damals, das sowjetischen Oberhaupt Michail Gorbatschow abzusetzen. Die Politisierung des "Schwanensee" zu Propagandazwecken, der in der Version von Marius Petipa und Lew Iwanow ab 1895 die Welt, zumindest die Bühnenwelt, eroberte, ist keine Seltenheit. Denn Tanz und Choreografie als l’art pour l’art - also einfach nur als ästhetisches Vergnügen für sich selbst stehend - ist eher rar.

Tanzende Abhängigkeit vom absolutistischen Herrscher

Das Ballett stammt aus der Zeit der absoluten Monarchien und war ein Spiegelbild der Machthierarchie. Es gibt die Hypothese, dass die ersten Ballettschritte auf der Grundlage der Bewegungen von Fechtern entstanden sind - so sollen etwa einige Schritte im Barocktanz an die Begrüßung der Kavaliere vor einem Duell erinnern, und die auswärts gedrehten Beinstellungen wären ein weiterer Beweis dafür. Man kann durchaus sagen, dass die Politisierung des Tanzes seinen Ausgang im "Ballet de cour" Ende des 16. Jahrhunderts fand.

Originalstich einer Szene des "Ballet comique de la reine". 
- © Jacques Patin

Originalstich einer Szene des "Ballet comique de la reine".

- © Jacques Patin

Als Musterbeispiel gilt dafür das 1581 als höfisches Hochzeitspektakel aufgeführte "Ballet comique de la Reine", ein Auftragswerk der französischen Königin Louise de Lorraine-Vaudémont, Ehefrau von Heinrich III.: Analog zum Kreisen der Himmelskörper um ein Zentralgestirn, kreisten hier die jungen Höflinge, für die der Tanz verwendet wurde, um sie zu erziehen und zu disziplinieren, konzentrisch um die Figur des Herrschers. Dem adeligen Zuseher wurde auf diese Art demonstriert, in welcher Abhängigkeit er zu seinem König stand. Es ist also nicht verwunderlich, dass spätere absolutistische Herrscher wie der Sonnenkönig Ludwig XIV. diese Kunstform förderten, da kaum eine andere das Machtgefüge so bildlich zeigen konnte. Ludwig XIV. gründete 1661 die erste quasi staatliche Tanzschule Europas, die Académie Royale de Danse, weil er befunden haben soll, dass die adligen Amateure, die die Hofballette tanzten, den technischen Anforderungen nicht mehr entsprachen.

Die Regeln des klassischen Tanzes, die an der Akademie gelehrt wurden, nutzten bereits alle Möglichkeiten, den Körper zu stärken und leistungsfähiger zu machen sowie die Reaktionsfähigkeit zu steigern. So soll das Motiv des französischen Königs für die höfische Pflege der Tanzkunst die Körperschulung seiner Soldaten als Voraussetzung für den Kampf gewesen sein.

Auflösung des einzelnen Tänzers in der Masse

Dass sich Tänzer als Kämpfer mehr als 350 Jahre später behaupten werden, ist wohl aktuell auf den Russland-Ukraine-Krieg zurückzuführen. Es gibt unbestätigte Behauptungen, dass in diesem Konflikt Sportler und Tänzer als erste Berufsgruppen einberufen wurden. So tauschte etwa Oleksii Potiomkin, Erster Solist der Kiewer Nationaloper, sein Kostüm gegen Uniform und Waffe. Seine Bilder gingen in den sozialen Medien um die Welt. Wie die der Balletttänzerin Lesya Vorotnyk, die ebenfalls dem Kiewer Ballett angehört. Auf einem Twitter-Post trägt sie eine kakifarbene Militärkappe und hält in strammer Körperhaltung ein Gewehr in ihren schlanken Fingern: kampfbereit.

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https://twitter.com/Corriere/status/1499109811778207746?s=20&t=LLt7x1_TJHtIi1K3BiSz-A

Es war schon der Ballettmeister und Choreograf Arthur Michel Saint-Léon (1821-1870), der die Unterordnung hin bis zur Auflösung des einzelnen Tänzers in der Masse forderte und eine militärische Organisation des Corps de ballet propagierte. Die weißen Akte der Ballettklassiker, in denen das weibliche Ensemble in Reih’ und Glied mit exakt gleicher Körperhaltung posiert und tanzt, ist ein Paradebeispiel. Und auch heute noch kennt man in veralteten Ballettschulen den darauf bezogenen Drill im Training der angehenden Tänzer.

Doch zurück vom Tänzer als Soldat zur Bühnenkunst zum Zweck der Machtdemonstration absolutistischer Herrscher und Diktatoren - also beispielsweise die der Sowjetunion. Auch sie versuchten, den Tanz als Propagandawaffe einzusetzen. In den ersten Jahrzehnten der Sowjetmacht wurden sogar Textilien in Bühnenwerken als Ausdruck der politischen Gesinnung eingesetzt: Stoffe wurden mit bunten Mustern von Hammer und Sichel, fünfzackigen Sternen oder Traktoren bemalt. Ballette wurden auf ihre politische Korrektheit überprüft, und es entstand das "Agitationstheater". Doch Mitte der 1930er Jahre kehrte die Akademisierung der Künste, des Tanzes, zurück. Und hier passiert eine beachtenswerte Entwicklung des Genres Volkstanz: Ballettchoreografen wie Igor Moiseev adaptierten einzelne Bewegungen der Volkstänze für die akademische Bühne, nicht zuletzt, um auch die Unterordnung einer Vielzahl von Völkern unter das kommunistische Ideal zu zeigen.

Das bekannteste Ballett dieser Zeit, das als russischer Export weltweit Erfolge feierte, ist "Spartakus" (1956) von Aram Chatschaturjan in der Choreografie von Leonid Jakobson. Den Aufstand der Sklaven betrachtete die sowjetische Kulturpolitik als eine Vorform der Revolution, weshalb "Spartakus" konform mit der Partei-Ideologie war.

Eine ähnliche Entwicklung nahm der Tanz zur Zeit des Maoismus, in dem das Ballett verteufelt wurde, und Bühnentanz sich in sogenannten Modellopern und Revolutionsballetten darstellte: Das Ballettstück "Das Rote Frauenbataillon" mit seinem unmissverständlichen politischen Inhalt - aus dem Kampf Gut gegen Böse wurde ein Kampf der Bauern, Arbeiter und Soldaten gegen bourgeoise Feinde - wurde etwa 1972 beim China-Besuch des US-Präsidenten Richard Nixon aufgeführt. Auch die Tourneen der Ballettkompagnien zahlreicher Länder zurzeit des Kalten Krieges galten als vielversprechendes Propagandamittel, um gewünschte Inhalte auch außerhalb der eigenen Nation zu verbreiten.

Mit elegantem Körpereinsatz Macht demonstrieren

Auch das nationalsozialistische Regime setzte zuerst den modernen Tanz und später das Ballett als Propagandamittel ein, um die Ästhetik der von den Nazis sogenannten "Herrenrasse" hervorzuheben.

Bestrebungen der Tanzmoderne, unpolitische Konzepte für den Bühnentanz zu verfolgen, sind selten auch genauso rezipiert worden. Manch einem Werk etwa von George Balanchines ist es dennoch gelungen. Ein Blick auf die tanzhistorischen Entwicklungen zeigt aber, dass Tanz und Politik ein Paar sind, das immer wieder zueinanderfindet. Denn Ballett ist körperlicher als Theater und visuell packender als Konzerte oder Chöre und somit eine Kunstform, die mit elegantem Körpereinsatz der Welt zeigen kann, dass sie - egal ob Sowjets, Amerikaner, Europäer oder Diktatoren aller Couleurs - eine Weltmacht ist.