Schon dem ersten Ton wohnt es inne, das unheilvolle Ende, das doppelt tödliche Drama, auf das alles zusteuert. Unaufhaltsam. Es ist, als übe der Abgrund einen Magnetismus aus, wie ein großes Schwarzes Loch, das alles aufsaugt. Philippe Jordan gelingt es bei der Premiere von Alban Bergs "Wozzeck" am Montag an der Wiener Staatsoper, diese Sogwirkung musikalisch zu entfachen, die dieses Werk ausmacht. Jede Phrase, jedes Aufbäumen des gewaltigen Orchesterapparates, jede kammermusikalische Impression, jede spöttische Klangmalerei steht im Dienst des grausamen Untergangs. Der Zug des Scheiterns ist immer schon auf Schiene, er nimmt lediglich an Fahrt auf. Entrinnen ausgeschlossen.

Es sind diese musikalische Unausweichlichkeit und Unerbittlichkeit, gepaart mit einer absolut kultivierten Klangbalance, die Philippe Jordans Sicht auf Berg auszeichnen. Nicht einmal die kontrastreiche Dynamik der Partitur durchbricht den Sog, die Reduktion erweist sich lediglich als nötiges Atemholen des Dramas, das hier mit stets aufgerissenen Augen und entblößter Seele daher stürmt. Den Sängern schmeichelt diese kluge wie intensive Gestaltung des Dirigats. Nicht, dass sie es nötig hätten.

Christian Gerhaher ist szenisch wohl der Prototyp des erniedrigten, hellsichtig aus der Welt gefallenen, gehetzten Antihelden, stimmlich mit seinem sonoren Bariton sowieso ideal für diese Partie. Anja Kampe ist ihm eine ebenbürtige Marie, mit ihrem vollen, geradlinigen Sopran nie Opfer, sondern eine fest im Leben stehende Frau, die verzweifelt um ihr Glück kämpft. Romantische Gefühle oder Gewissensbisse kann sie sich dabei nur vor sich selbst leisten.

Radikal heutig

Diesem dichten, dunkel gleißenden Klang-Sog stellt Regisseur Simon Stone eine radikal heutige, alltägliche Szenerie in hellen Bildern gegenüber. Dieser "Wozzeck" spielt unmissverständlich im Wien der Gegenwart. Das verschafft dem an sich schon zeitlosen Stoff eine zusätzliche Brisanz: Dieses Drama lässt sich nicht in die Distanz eines fernen Gestern schieben, es findet hier und heute statt. Dafür haben Simon Stone und Bühnenbilder Bob Cousins zeitgenössische Ort der Erniedrigung abgebildet - von der schier endlosen Warteschlange beim Arbeitsmarktservice über das Soziotop Würstelstand und die Altkleidersammlung bis zum Fitnesscenter und einer Notschlafstelle in der U-Bahnstation. Diese oft banalen, mitunter trostlosen Orte reihen sich an den Außenflächen eines sich drehenden weißen Würfels scheinbar endlos aneinander - technisch eine Meisterleistung, dramaturgisch eine treffende Entsprechung der musikalischen Rastlosigkeit dieser Oper.

Simon Stone wählt heutige Orte der Erniedrigung für den Doktor (Dmitry Belosselskiy, links), den Hauptmann (Jörg Schneider) und Wozzeck (Christian Gerhaher, Mitte). - © Staatsoper / Michael Pöhn
Simon Stone wählt heutige Orte der Erniedrigung für den Doktor (Dmitry Belosselskiy, links), den Hauptmann (Jörg Schneider) und Wozzeck (Christian Gerhaher, Mitte). - © Staatsoper / Michael Pöhn

Wozzeck zeigt Stone als einen von Visionen geplagten Außenseiter, der sich Tugend nicht leisten kann und schon vor der ersten Szene verloren ist und hat. Seine Marie ist eine gestandene Frau in einer prekären Lebenssituation, die darum kämpft, sozial nicht abzusteigen. Dieses Setting rückt das Drama ein Stück weg vom Rand in die Mitte der Gesellschaft. Die Welt des Militärs wird durch die der Polizei ersetzt. Überzeugend hier auch Hauptmann Jörg Schneider, Tambourmajor Sean Panikkar und Dmitry Belosselskiy als Doktor.

Mit diesen lebendigen, klar kammerspielartig geführten Figuren zeigt Stone viele eindringliche, auch stumme Szenen, findet treffsichere Analogien für den Wahn und die Banalität des Abgrundes. Dass sich diese radikal heutige Sicht mitunter spießt mit dem Text, dass nicht jede Übersetzung stimmt, liegt auf der Hand. Doch das passiert schnell, Wozzeck ist schließlich in jedem Setting aus der Zeit gefallen. Auch bricht Stone klar mit dem Mythos der Figur, stößt sie vom allegorischen Sockel, macht sie allzu menschlich.

Die banale Seite des Dramas wohnt mit bei Marie und Wozzeck (Anja Kampe und Christian Gerhaher). - © Staatsoper / Michael Pöhn
Die banale Seite des Dramas wohnt mit bei Marie und Wozzeck (Anja Kampe und Christian Gerhaher). - © Staatsoper / Michael Pöhn

Dass dieser Opernabend sich unterscheidet von anderen, liegt auch im Werk selbst begründet. Oper, das bedeutet hier nicht die Flucht aus dem schnöden Alltag in eine stilisierte Bühnenwelt, es bedeutet den präzisen Fingerzeig von der Bühne herab auf die realen Abgründe mitten unter uns. Das Leben im Prekariat, die damit verbundenen Demütigungen und die darin florierende Gewalt - sie gehen uns hier und heute etwas an. Ein in absolut jeder Hinsicht zeitgenössischer Abend.