Schräg!", ruft Drew Sarich ins Publikum und stachelt den Saal zu einem Echo an. "Schräg!", hallt es aus den Reihen etwas dürftig wider. "Schräg!!!", ruft Sarich nun deutlich lauter, "schräg!!" schallt es, etwas satter, zurück. Ein Teilerfolg - aber mit Blick auf das ästhetische Gesamtbild doch eine fruchtlose Bemühung. Selbst wenn Sarich das Wort durch ein Megafon brüllen würde: Dieser Abend würde dadurch kein Stück schräger.

Im Presswurstlook

Am Sonntag lief an der Volksoper eine Neuproduktion von "La Cage aux Folles" vom Stapel, und es liegt nicht an der jüngsten Omikronwelle am Haus, dass es der Unternehmung an Schwung, Charme und Irrsinn fehlt. Die Komödie über den Zusammenstoß zweier schwuler Travestie-Profis mit einem erzkonservativen Demagogen, im Pariser Theaterjahr 1973 der letzte frivole Schrei und 1983 mit dem Welthit "I Am What I Am" für die Musicalbühne aufbereitet, erinnert in seiner nostalgischen Machart am Währinger Gürtel an einen althergebrachten Schwank. Mit dem Unterschied, dass es in der "Pension Schöller" mehr zu lachen gäbe. Was einem hier an Pointen entgegenfliegt, zündet entweder nicht oder neutralisiert sich aufgrund seiner Vorhersagbarkeit. Außerdem scheint sich niemand Gedanken über ein Update des Textbuchs gemacht zu haben: So manche Aussage, die 1973 sozialkritischen Biss besaß, hat ihr Verfallsdatum überschritten - wie der Satz, dass Schlampen sozial akzeptierter seien als Schwule. Man muss kein glühender Befürworter des Dogmas der Werk-Aktualisierung sein, um in solchen Passagen einen gewissen Problemlösungsbedarf zu orten.

In erster Linie will der Abend aber natürlich Showgelüste bedienen, und er mästet das Auge darum tüchtig mit Schauwerten. Judith Peter hat einen Kostüm-Corso ersonnen, der jedenfalls das Prädikat "abstrus" verdient: Die Dragqueens tun ihren Dienst wahlweise in einem Presswurst-Body mit Peitschen-Umwicklung, in einem Coca-Cola-Dosen-Kleid, unter einer Plastik-Mangafrisur oder in einer Art Glitzer-Zwitter aus Stiefel und Strumpfhose - wobei im Lauf der drei Stunden so viel glitzert (selbst Topfpflanzen!), dass man allmählich an einer Flitterallergie zu leiden meint.

Ist es ein Vorteil, dass Regie und Choreografie in einer Hand liegen? Melissa King trägt jedenfalls dafür Sorge, dass den Tänzern ausreichend Wimmelfläche zur Verfügung steht; die Ausstattung - vor allem eine riesige, kreisrunde Aufhängung - ist weitgehend in den Bühnenhimmel verbannt. Doch hernieden hapert es ab und zu an Energie: Wenn im Finale einer wummernden Shownummer nur einer von acht Tänzern die Beine schwingt, dann fehlt es der Sache an choreografischer Durchschlagskraft. Aber gut: Vielleicht sollte man in solchen Momenten (die Premiere wurde Corona-bedingt um eine Woche verschoben) etwas Nachsicht üben.

Zugkräftige Besetzung

Dass dieser Abend dennoch als Triumph endet, mag erstaunen - oder auch nicht: Einerseits kokettiert dieser Narrenkäfig mit wohligen Erinnerungen an die Verfilmung von 1978 (mit Michel Serrault und Ugo Tognazzi). Andererseits beweist Lorenz C. Aichner im Orchestergraben seine Kompetenz für sacharinsüße Chansons und dezibelstarkes Rummsbumms. Vor allem aber sind die Hauptrollen formidabel besetzt: Drew Sarich, vom Schopf bis zum Stöckelschuh auf die Drama- und Dragqueen Zaza gepolt, begeistert mit seinen Divenzicken ebenso wie mit seinen kehligen Gesangsenergien; Viktor Gernot mimt den patenten Lebenspartner ebenso sympathisch wie den glamourösen Conferencier Georges; und Robert Meyer (als spießiger Politiker mit Sigrid Hauser als Gattin) brilliert ein weiteres Mal als pointensicherer Grantscherben. Letztlich weiß Gott kein schräger Abend, aber gediegenes Handwerk im Dienste der Nostalgie.