Es ist eines der nagendsten Mysterien der vergangenen Jahre. Kann es wirklich sein, dass ein Flugzeug und alle Menschen an Bord einfach so verschwinden? Nach wie vor ist nicht letztgültig geklärt, was passiert ist, nachdem die Boeing MH370 der Malaysian Airlines am 8. März 2014 dem Radar abhandengekommen ist. "All right. Good night.", der Titel des Stücks, das am Mittwoch im Volkstheater Wien-Premiere hatte, sind die letzten Worte, die der Pilot an den Tower in Kuala Lumpur durchgegeben hat.

Kann man so ein "Riesending" wirklich verlieren? Aber: Warum soll das nicht möglich sein, wenn man auch einen Menschen verlieren kann. Oder er sich selbst verlieren kann. In sich selbst verlieren. Und das, obwohl er physisch durchaus noch anwesend ist.

Ein Flug ins Ungewisse: Das ist die Verbindung, die Helgard Haug (Rimini Protokoll) zwischen dem Flugzeug MH370 und der Demenzerkrankung ihres Vaters zieht. In einem mehr als zweistündigen Text fließen die Geschichte einer aussichtslosen Suche und die Geschichte einer unaufhaltsamen Krankheit immer wieder ineinander. Über acht Jahre hinweg geht diese Reise.

Zu Beginn stellen sich die Musiker des Zafraan Ensembles in einer Schlange wie zum Boarding auf. Es wird eine der wenigen schauspielähnlichen Aktionen auf der Bühne sein. Haug setzt voll auf ihren Text - und die Musik von Barbara Morgenstern. Der Text wird in seltenen Fällen von verschiedenen Stimmen aus dem Off vorgetragen, die meiste Zeit aber wird er auf die Bühne projiziert, wie ein Wortvorhang, der den Blick auf die Musiker freigibt.

Die Musik von Morgenstern ist erst eine identifizierbare Unterstützung des Textes, wenn etwa die Pings die letzten Kontaktpunkte des Flugzeugs, eine akustische Entsprechung erhalten oder die Take-off-Beschleunigung mit lauter werdendem Streicher-Gewimmel übersetzt wird. Später wird die Musik mehr zur Vermittlerin des Chaos im Kopf, das die Demenz herstellt - laut, leise, schriekend, mit herausfordernder Rhythmik.

Poesie der Auflösung

Verblüffend mühelos verschränkt Haug emotional und intellektuell die Geschichten von Hinterbliebenen der Passagiere, die langsam fortschreitenden Ermittlungsergebnisse und die Entwicklung ihres Vaters. Von den ersten Anzeichen, als er gleich vier Geburtstagsglückwunschkarten an das Enkelkind schickt, über die tragikomische Phase der Krankheit, in der er sich für den Direktor seines Heims hält und Pflegekräfte befördert oder kündigt, und der erstaunlichen Poesie, die die Sprache von Demenzkranken mitunter zeitigt ("Ich fühle mich wie eine müde Tasche") bis zum beklemmenden Ende, der orientierungslosen Auflösung. Zu dem Zeitpunkt fliegen auch die Worte auf der Leinwand losgelöst vom Sinn durch die Gegend.

Mrs. Chong mäht ihren Rasen seit acht Jahren nicht - das soll ihr Mann machen, wenn er von seinem Flug zurückkommt. Zu akzeptieren, was geschehen ist und was geschieht, auch wenn man es nicht versteht, ist die große Aufgabe für die Angehörigen auf beiden Seiten dieser Geschichten. Ob es nach der Auflösung Erlösung gibt, muss jeder für sich entscheiden. "All right. Good night." liefert als Grundlage jedenfalls eine großartige Erzählung, die beschäftigt und berührt.