Anna Netrebko wurde nach ihrer Kritik am Krieg in der Ukraine vom Opernhaus im sibirischen Nowosibirsk ausgeladen. Womit westliche Opernhäuser und Konzertveranstalter im eigenen Interesse ab sofort ihr Vorgehen überprüfen sollten, russische Künstlerinnen und Künstler Gesinnungsprüfungen zu unterziehen. Denn der Fall Netrebko wird hüben wie drüben Wellen schlagen.

Wer sich mit Hunden ins Bett legt, wacht mit Flöhen auf, sagt ein Sprichwort. Der Fall der Starsopranistin ist anders als der des Dirigenten Waleri Gergijew (auch: Valery Gergijev). Ohne Zwangslage hat sich Gergiew wiederholt freiwillig an die Seite Wladimir Putins gestellt. Gergijew weiß, was er weshalb tut. Als Belohnung winkt ihm derzeit die Leitung des Moskauer Bolschoi Theaters zusammen mit der des St. Petersburger Mariinski Theaters.

Anna Netrebko hingegen ist keine intellektuelle Taktikerin. Sie ist im besten Sinn des Wortes naiv, gutmütig, etwas flippig. Manchmal ist sie impulsiv, und überlegt nicht lange genug.

Politisch naiv

Das hat ihr einen Auftritt mit russischen Separatisten auf der Krim beschert. Man kann sich nur schwer des Eindrucks erwehren, dass die Sopranistin nicht genau wusste, was sie tat. Ihre Gedanken dürften in etwa gewesen sein: Eine Russin trifft Russen - na und? Das entschuldigt den Lapsus nicht, aber es erklärt ihre Handlungsweise. Die Sängerin versteht von Prada und Escada wesentlich mehr als von politischen Zusammenhängen.

Sie weiß es selbst und hat dementsprechend zum Krieg gegen die Ukraine geschwiegen. Als westliche Veranstalter von ihr eine Positionierung verlangten, sagte sie alle Auftritte ab, um nicht schmachvoll gefeuert zu werden. Darauf folgte ein Statement, das sich auf Russisch weit nebuloser las, als es die deutsche Übersetzung wiedergab, dann zog sie wieder zurück. Danach wuchs der Druck erst recht: Man machte der Sängerin klar, dass ihre Karriere außerhalb Russlands beendet wäre, sollte sie kein klares Statement gegen den Krieg abgeben.

Das hat sie nun gemacht. Sie hat ausgesprochen, was sie mit Sicherheit die ganze Zeit über gedacht hat: Dass Putins Vorgehen gegen die Ukraine ein Krieg ist und keine "Militäraktion", dass ihre Gedanken bei den Opfern sind, und zwischen den Zeilen versteckt sie eine Ohrfeige für ihren Präsidenten: Sie habe Putin "nur eine Handvoll Male getroffen, insbesondere, wenn es darum ging, Preise für meine Kunst entgegenzunehmen oder bei der Eröffnung der Olympischen Spiele." Also: Wer hat sich in wessen Ruhm gesonnt?

Das Opernhaus von Nowosibirsk ist mit der Absage eines Netrebko-Auftritts vorgeprescht. Es ist das Zeichen: Prominente genießen keinen Sonderstatus der Meinungsfreiheit. Es bedarf keiner Dekrete, es genügt die Vorsicht, nur ja niemanden zu engagieren, der jemanden zu stören vermöchte, dem man eventuell selbst in irgendeinem Zusammenhang ausgeliefert sein könnte. Das ist eine nicht russische, sondern eigentlich sehr sowjetische Kombination von Angst vor einem Dominoeffekt und vorauseilendem Gehorsam.

Der Westen kann unterdessen am Fall Netrebko ablesen, wie in Russland mit Künstlern verfahren wird, die eine von der Putins abweichende Meinung aussprechen. Die Verknüpfung westlicher Engagements mit einer Positionierung gegen Putin bedeutet, jedem russischen Künstler eine Entscheidung zwischen seiner Heimat und der internationalen Karriere aufzuzwingen.

Druck auf Currentzis

Niemand darf sich der Illusion hingeben, Anna Netrebko könnte ein Einzelfall bleiben. Der des Stardirigenten Theodor Currentzis’ wirft schon Schatten voraus. Currentzis hat eine griechisch-russische Staatsbürgerschaft, er ist Chefdirigent des deutschen SWR Symphonieorchesters, weltweit Gast in Konzerthäusern ebenso wie bei den Salzburger Festspielen. Currentzis ist mit seinem Orchester MusicAeterna in St. Petersburg beheimatet, hauptsächlich gesponsert von der russischen VTB-Bank. Der Druck wächst, Currentzis möge ein Gesinnungsbekenntnis ablegen. Macht er es, würden nicht allein die Salzburger Festspiele ohne MusicAeterna dastehen. Denn entweder, Currentzis äußert sich im Sinn des Westens, worauf ein russischer Liebes-, Gelder- und Engagement-Entzug stattfände, oder er äußert sich im Sinn Putins, worauf der Westen, will er die Rolle der überlegenen moralischen Instanz weiter wahrnehmen, auf Currentzis verzichten müsste.

Noch geht’s. Man könnte, notfalls und zähneknirschend, ohne Netrebko und ohne Currentzis auskommen. Aber die russische und die westliche Kunstwelt sind längst zu eng verflochten, als dass dieses Spiel auf Dauer, ohne empfindliche Verluste, weitergespielt werden kann. Wer letzten Endes mit Flöhen aufwacht, könnte durchaus auch der westliche Kulturbetrieb sein. Dass die Moral als Heilsalbe gegen die Bisse taugt, darf angezweifelt werden.