Romantische Komödien, wirkmächtig beim Publikum, haben im Feuilleton einen schweren Stand; sie gelten als "lowest of low" weil sie meist auf veralteten Rollenvorstellungen basieren, simple Klischees bedienen und kaum über seichte Unterhaltung hinausreichen. Romantische Tragödien? Kitschalarm! Boy-doesn‘t-meet-Girl - wen kümmert’s?

Zu den ganz wenigen Ausnahmen, gewissermaßen den unangefochtenen Klassikern des Genres, dürfte indes "Cyrano de Bergerac" zählen. Der französische Autor Edmond Rostand entwarf Ende des 19. Jahrhunderts in dem Versdrama nämlich eine erstaunlich facettenreiche Figur, seine so schwärmerische wie aussichtslose Liebe erinnert nachgerade an Don Quichotes Malaise mit Dulcinea. Der dichtende Degenheld Cyrano macht bekanntlich den Makel einer übergroßen Nase durch Tapferkeit, Esprit und Witz vielfach wett, aber bleibt dennoch schmerzhaft einsam.

Rollenfutter

Die Figur beinhaltet ein vielschichtiges Männerbild - Cyrano ist Stinkstiefel und Sympathieträger, aufbrausend und zart, verletzend und verletzt, liefert also geradezu ideales Rollenfutter. Folgerichtig steht und fällt jede "Cyrano"-Inszenierung mit der Besetzung der Titelfigur.

In den 1990er Jahren begeisterte etwa Gérard Depardieu ein Millionenpublikum in einem Kostümschinken, der vor Kitsch nicht zurückwich, zuletzt überzeugte der kleinwüchsige Akteur Peter Dinklage in einer nicht minder romantisierenden Neudeutung. Am Burgtheater feierte Klaus Maria Brandauer 1999 mit Spitzbart und Degen in einer ur-konventionellen Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf einen Publikumserfolg. In der Neuinszenierung von Lily Sykes wird nun Franz Pätzold die riesengroße Nase verpasst. Pätzold hätte wohl das Zeug für einen bemerkenswerten Cyrano, als bewährtes Theatertemperament rackert und ringt er drei Stunden lang nach Kräften mit der Rolle, aber er agiert im luftleeren Raum, rund um ihn wird bestenfalls routiniertes Stadttheater aufgeboten mit überschaubarem Unterhaltungswert.

Was ist schief gegangen? Der Dramatiker Martin Crimp, 66, zählte in den 1990ern zur "Neuen britischen Dramatik", wurde bekannt für beinharte Stücke mit gewisser street-credibilty, zuletzt arbeitete Crimp vor allem mit Regie-Star Katie Mitchell zusammen und hat sich mit Klassiker-Neudeutungen einen Namen gemacht. Crimp ist hier eine sorgfältige Relektüre gelungen: Das Handlungsgerüst bleibt nahezu intakt, das Stück spielt weiterhin als Mantel- und Degen-Drama im 30-jährigen Krieg, nur die Wortgefechte klingen weitaus moderner. Bei Crimp changiert das Stück beherzt zwischen Versmaß, Hip-Hop-Motiven und Slam-Poetry. Die Londoner Uraufführung wurde 2019 vielfach bejubelt, die Kritik sprach von einem "Befreiungsschlag".

Möglicherweise ist in der deutschen Übertragung von Ulrich Blumenbach und Nils Tabert etwas von dem Überschwang verloren gegangen, jedenfalls wirkt der permanente Wechsel im Sprachduktus im Lauf der Zeit eher bemüht denn brillant.

Vor allem aber fehlt es Pätzold alias Cyrano an Mitspielern auf Augenhöhe: Lilith Häßle versucht, die heiß geliebte Roxanne so nüchtern und cool wie möglich zu spielen. Bis hin zum Kostüm (Lena Schwind), bei dem Sportsocken mit Stöckelschuhen, Mieder mit Militärhose kombiniert werden, geht es darum, Weiblichkeitsklischees zu unterlaufen. Verständlich, allerdings bleibt dann von der Rolle nicht mehr viel über. Auch Tim Werths legt den verliebten, aber tumben Christian ziemlich steif und farblos an. Die Kameraderie zwischen Cyrano und Christian, aus der eigentlich eine gewisse Spannung entstehen sollte, bleibt schiere Behauptung.

In Nebenrollen versuchen Alexandra Henkel, Bless Amada und Gunther Eckes ein wenig Herz in das ganze Unternehmen zu bringen, aber gehen auf der leer geräumten Bühne (Márton Ágh) unter. Einige Akzente setzt noch die Live-Musik, etwa wenn sich Bless Amada ans Schlagzeug setzt und loswirbelt. Die Regie von Lily Sykes, die zuletzt im Kasino mit der Jane-Austen-Adaption "Stolz und Vorurteil* (oder so*)" überzeugte, bleib indes erstaunlich uninspiriert. Bruder Leichtfuß Cyrano geriet bleiern und erdschwer.