Kein "Parsifal" in diesem Jahr am Gründonnerstag an der Wiener Staatsoper. Traditionsverbundene mögen im Vorfeld kurz geseufzt haben. Stattdessen eine Neuproduktion von Richard Wagners "Tristan und Isolde" durch Calixto Bieito mit heimischen Größen in den Titelpartien. Die Wogen waren bereits Anfang der Woche hochgegangen, als in der Generalprobe Buhrufe auftauchten. Direktor Bogdan Roščić stellte sich tadelnd gegen die Aufgebrachten und schützend vor die Agierenden auf und hinter der Bühne. Lautstarke - erwartungsgemäße - Unmutsbekundungen untermalten auch den Premierenabend. Dem Spanier haftet nun einmal unverrückbar das Etikett "Skandalregisseur" an. Auf der Bieito-Skala lässt sich der neue "Tristan" allerdings als verhältnismäßig harmlos einstufen.

Fokus auf Seelenleben

Der Fokus liegt klar auf dem seelischen Innenleben der Figuren. Das Außen mutet beinahe beliebig an. Unauffällig die Kostüme (Ingo Krügler), an das Irische erinnern einzig die grünen Kleider von Isolde und Brangäne. Unbestimmt die Zeit, neutral der Ort. Kein Schiff (der Chor singt aus dem Off), keine Burg Kareol. In den Bühnenboden eingelassen liegt eine knöcheltiefe Wasserfläche, die effektvolle Projektionen auf der Rückwand ergibt. Vieles bleibt nur angedeutet, symbolhaft, geflüstert poetisch. Meterlange Schaukeln dominieren den ersten Aufzug, zwei schwebende Räume den mittleren, die Möbelversatzstücke daraus den dritten. Kulisse (Bühne: Rebecca Ringst) genug, um die "Handlung" wie Wagner das Werk im Untertitel nannte, auf die dunkel umrahmte Bühne zu bringen.

Tristan (Andreas Schager) umgeben von nackten Statisten. - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Tristan (Andreas Schager) umgeben von nackten Statisten. - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Die Personen sind mit geschickter Hand geführt. Nahtlos und federleicht erscheinen, bleiben und entschwinden sie. In zärtlicher Umarmung ruhende nackte Statisten versinnbildlichen jene erfüllte Liebe, die Tristan und Isolde letzten Endes nur durch das gemeinsame Sterben erfahren können. Dies wiederum setzt das Niederreißen von und Ausbrechen aus bewährten (Denk-)Räumen voraus. Distanz kennzeichnet den Liebesdialog.

Banaler Effekt

Die Demolierungs- und Selbstverletzungsaktion im zweiten Akt - Tristan, nicht Melot (kernig Clemens Unterreiner), fügt sich die Wunde zu - zählt nicht zu den (optisch) überzeugendsten Ideen des insgesamt fünfstündigen Abends. Das mehrmalige Anknipsen einer Schreibtischlampe wirkt als Unterlegung des bedeutungsschweren Texts unpassend banal.

Der Zwiespalt von dunkler Nacht und grellem Tag (Licht Michael Bauer) durchzieht Wagners Werk mit feinen Spuren. Nachtgeweihte, Exponenten des Tages, das Mysterium des Traums. Tiefe und Ausdruck kommen stark aus der Interaktion der Protagonisten, entstehen durch Blicke und Berührungen. Martina Serafin ist eine über alle Maßen präsente und packend spielende Isolde. Die Bandbreite ihrer stimmlichen Möglichkeiten hält milde lyrische Stellen ebenso bereit wie raue Kühle in der Höhe. Mit klugem Maß gestaltet sie diese Riesenpartie bis zum Liebestod am Schluss. Weniger der Ekstase, mehr dem klaren Sehnen und kontrolliertem Vollenden verpflichtet. Sie ist der glühend denkende Kopf, Tristan das heiß brodelnde Herz des Paares.

Bieitos Tristan tritt als "Antiheld" in Cordhose und Dufflecoat auf, was einen interessanten Kontrast zu dem vor viriler Kraft und Volumen strotzenden Tenor von Andreas Schager ergibt. Doch zarte Brüche treten zutage. In der Rolle des Kurwenal konnte Iain Peterson eine im Laufe des Abends stets dichter und eindringlicher werdende Charakterstudio formen.

Erfolg für Philippe Jordan

Seltsam blass blieb René Papes Auftritt als König Marke. Wie gewohnt zeigte der deutsche Sänger im organischen Umgang mit dem Text seine besondere Klasse im Wagner-Repertoire. Brangäne (gut Ekaterina Gubanova) muss als rührig besorgter Beistand nicht nur Tränke mischen, sondern auch Fische ausnehmen. Fantastisch besetzt sind die kleineren Partien mit dem souveränen Josh Lovell als jungem Seemann und Daniel Jenz als Hirt.

Uneingeschränkt begeistert zeigte sich das Haus von der musikalischen Leistung. Das Orchester der Wiener Staatsoper spielte mit unanfechtbarer Intensität, Brillanz und Sensibilität. Mögen die Stimmen stellenweise von den Klangfluten überspült worden sein, sei’s drum. Musikdirektor Philippe Jordan am Pult entfaltete die ganze Palette von zarter Durchhörbarkeit mit ausgezeichneten Oboen- und Geigensoli bis hin zu gleißendem Schimmern und glitzerndem Leuchten.