Ihr Traum für das Haus ist eine "Volksoper im wahrsten Sinne des Wortes, wo die Hand ausgestreckt wird für so viele Wienerinnen und Wiener wie möglich." Damit will Neo-Direktorin Lotte de Beer "Farbe in die Welt bringen, spielen, verzaubern, berühren - aber auch ganz schön scheitern". Am 3. September 2022 beginnt an der Volksoper Wien eine neue Ära - mit der jungen niederländischen Regisseurin Lotte de Beer erhält das Haus am Gürtel seine erste Direktorin. Am Mittwoch gab de Beer Einblicke in ihre künstlerischen und strukturellen Pläne und präsentierte ihre erste Spielzeit.

Den Charakter des Mehr-Sparten-Repertoire-Hauses will die energiegeladene Lotte de Beer beibehalten, ihr Programm beschreibt die 40-Jährige mit ansteckender Begeisterung selbst als Brücke zwischen "Tradition und Erneuerung, Nostalgie und Utopie". Geplant sind für 2022/23 sieben Premieren und eine Uraufführung aus den Bereichen Oper, Operette und Tanz. Musicalproduktionen sollen folgen. Insgesamt, das lässt schon die Papierform des Programmes sagen, wird die Volksoper Wien künftig jünger, bunter - und weiblicher.

Sieben Premieren und ein Opernstudio

Den Auftakt macht im September die berlinerisch-wienerische Operette "Die Dubary" von Carl Millöcker, für die Annette Dasch und Humorist Harald Schmidt ans Haus kommen. Maurice Lenhard, der Chef des neu gegründeten Opernstudios der Volksoper, inszeniert im November Kurt Weills und Bert Brechts "Dreigroschenoper", unter anderen mit Sona MacDonald als Hausdebütantin.

Das Opernstudio selbst, das sieben junge Künstlerinnen und Künstler für zwei Jahre an das Haus bringt, wird ebenfalls ein Projekt an einem anderen Standort in Wien realisieren. Wo, daran feilt das Team noch. Der bis dato einmal pro Saison bespielte Standort Kasino am Schwarzenbergplatz wird zumindest vorerst nicht in Anspruch genommen.

Neo-Direktorin der Volksoper: Lotte de Beer. - © apa / T. Steinmaurer
Neo-Direktorin der Volksoper: Lotte de Beer. - © apa / T. Steinmaurer

Als dritte Premiere gestaltet die britische Theaterformation Spymonkey im Jänner Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt": "Das ist die heutige, etwas theatralischere Version von Monty Python", versprach de Beer einen humoristischen Abend. Neben diesen Klassikern kommt auch eine neue Operette, die Lotte de Beer beim deutschen Komponisten Moritz Eggert in Auftrag gegeben hat. "Die letzte Verschwörung" wird die Direktorin selbst inszenieren. Otto Nicolais "Die lustigen Weiber von Windsor" betrachtet ein Frauen-Trio rund um die Niederländerin Nina Spijkers im Mai 2023 aus einer feministischen Perspektive. Der türkische Regisseur Nurkan Erpulat erzählt im Juni 2023 Mozarts "Entführung aus dem Serail" aus der Perspektive des Bassa Selim.

Im Ballett gibt es mit Martin Schläpfers Staatsballett zwei neue Produktionen: im Oktober "Jolanthe und der Nussknacker" als Tschaikowsky-Mash-up in der Regie von de Beer und im Februar mit "Promethean Fire" einen reinen Tanzabend. Maria Happel betreut dazu die Wiederaufnahme der "Fledermaus", auch "La bohéme", "La Cenerentola" und "Anatevka" kommen wieder. Mit einem Festwochen-Projekt mit Anne Teresa De Keersmaeker und einer Zusammenarbeit mit Vienna Pride will die neue Direktion sich stärker in der Stadt vernetzen.

Ein Musikdirektor und neue Energie

Mit dem israelischen Dirigenten Omer Meir Wellber bekommt auch die Volksoper nach langer Zeit wieder einen Musikdirektor, der eine Riege teils sehr junger, in Wien noch unbekannter Dirigentinnen und Dirigenten mit ans Haus bringt und mit dem Orchester erstmals auch auf Konzert-Tournee gehen will.

Nicht zuletzt soll die neue Ära an der Volksoper auch mit neuen technischen Tools einhergehen. Die Beleuchtung soll mittels Chips in den Kostümen der Darsteller automatisch gesteuert werden, und auch die Frage der digitalen Noten prüfe man, um Papierkosten zu sparen, unterstrich Geschäftsführer Christoph Ladstätter. Außerdem stellt man den Fuhrpark auf Elektroautos um und installiert am Dach der Volksoper eine Fotovoltaikanlage. Die Volksoper startet damit nicht nur mit viel Elan und Begeisterung in eine neue Ära, die neue Energie ist auch noch erneuerbar.