Kriege lassen sich nicht auf Soldaten und Schlachten beschränken. Es gibt, wie sich gerade jetzt tagtäglich in der Ukraine zeigt, sogar mehr zivile Opfer. Frauen haben dabei genauso wenig Schutz wie Männer - sie werden geschlachtet, geschändet, vertrieben. Der Frauenkörper als weiteres Schlachtfeld? Einer der ersten Anti-Kriegs-Autoren der Menschheit, der zugleich auch diese Frage stellte, dürfte wohl Euripides gewesen sein. Sein Drama "Die Troerinnen", um 415 v. Chr. uraufgeführt, setzt nach dem Ende des Trojanischen Krieges ein und lässt fast ausschließlich Frauen zu Wort kommen.

Vier Überlebende des trojanischen Königshauses - Hekabe, die Frau des Troja-Königs Priamos, ihre Tochter Kassandra und die Schwiegertochter Andromache sowie Helena, die dem Mythos nach für den Krieg verantwortlich war - beklagen nun das Ende Trojas, das durch Odysseus List mit dem berühmten hölzernen Pferd besiegt wurde. Ihre Klagen sind eigentlich Selbstdarstellungen, wie sie den fortan Griechen ausgeliefert sind und ihre Befürchtungen über ein Leben in Sklaverei. Die Welt, die sie kannten, ist nicht mehr, die Menschen, die sie liebten, leben nicht mehr.

"Dran verrecken"

"Am Ende bleibt uns nichts als das Weinen", Sylvie Rohrer (l.) und Safira Robens. - © Susanne Hassler-Smith
"Am Ende bleibt uns nichts als das Weinen", Sylvie Rohrer (l.) und Safira Robens. - © Susanne Hassler-Smith

Es ist ein ungeheures Stück, das sich über die Jahrhunderte hinweg auf den Spielplänen hielt und immer wieder Neu-Überarbeitungen erlebte. Bekannt ist etwa die Übertragung von Franz Werfel aus dem Jahr 1915, seine Zeilen lesen sich wie ein Prolog zu den beiden Weltkriegen: "Was wir halten, ist nicht mehr zu halten, und am Ende bleibt uns nichts als das Weinen." Auch Jean-Paul Sartres Fassung aus den 1960er Jahren beinhaltet Aussagen von zeitloser Wahrheit: "Führt nur Krieg, ihr blöden Sterblichen, verwüstet nur die Felder und Städte, schändet nur die Tempel und die Gräber und foltert die Besiegten: Ihr werdet dran verrecken. Alle!"

Am Burgtheater kommt nun die Bearbeitung der österreichischen Dramatikerin Gerhild Steinbuch heraus; sie hat die Struktur des antiken Dramas belassen, es bleibt bei einer Aufeinanderfolge von Monologen und Chören, aber sprachlich wirkt das Stück neu und gegenwärtig, aus den antiken Versen meißelte die 39-Jährige eine zeitgemäß-zerklüftete Sprache, in ihrem Minimalismus bleibt die Sprache unbarmherzig.

Die Inszenierung mit Sylvie Rohrer und Sabine Haupt sowie Patrycia Ziolkowska und Lilith Hässle in den Hauptrollen, ist gleichsam das Wien-Debüt der australischen Regisseurin Adena Jacobs. Die 40-Jährige hat in Melbourne bereits einige antike griechische Tragödien inszeniert, vorzugsweise jene, in denen Frauen die Hauptrollen verkörpern wie "Medea", "Elektra" und "Antigone". Jacobs hat sich mit einer explizit feministischen Lesart einen Namen gemacht, so besetzte sie etwa Creon, Antigones gnadenlosen Gegenspieler, mit einer Frau. Auf der Bühne kam es folgerichtig zu einem Schlagabtausch zweier Schauspielerinnen, was einen völlig anderen Blick auf Macht und Moral eröffnete. "Es gibt gute Gründe, immer wieder zu den antiken Dramen zurückzukehren", sagte Regisseurin Jacobs in einem Interview mit einer australischen Zeitung. "Wenn wir die Geschichten anders gestalten, können wir neue Einsichten in existenzielle Krisen und moralische Dilemmata in einer von den Göttern verlassenen Welt gewinnen."

Die Aktualität der "Troerinnen" ist bedauerlicherweise mit Händen zu greifen, der Krieg gegen die Ukraine überschattete die Probenzeit. Bereits Euripides musste mitansehen, dass selbst die beste pazifistische Rhetorik keine Gräuel aufhalten kann. Knapp zehn Jahre nach der "Troerinnen"-Uraufführung kam es zu den Peleponnesischen Kriegen, die Athens Antlitz für immer veränderten.