Das Gegenwartstheater tut sich zuweilen mit der Tragödie schwer. Besonders antike Dramen zählen zu den harten Nüssen. Das Leid etwa, das die Figuren darin mit geradezu biblischer Wucht niederschmettert, scheint nicht so recht ins digitale Zeitalter zu passen. Die Moderne hält sich lieber ans Hybride denn ans existenziell Unausweichliche.

Was verbindet unsere Welt also mit den längst vergangenen Gesellschaften? Jede theatrale Annäherung an antike Tragödien stellt die szenische Übersetzung auf die Probe: Wie lässt sich die Wahrheit antiker Stoffe heute begreifbar machen? Es kann gelingen: Regisseur Peter Stein schrieb in den 1970er Jahren mit seiner Neudeutung der "Orestie" Theatergeschichte; gut 20 Jahre später entwickelte Ariane Mnouchkine für den Atriden-Mythos ein außergewöhnliches Ethno-Theater; zuletzt durchmaß der Tausendsassa Christopher Rüping mit "Dionysos-Stadt" die so ferne Götterwelt in einem zehnstündigen Parforce-Ritt. Antikes Theater, ewiger Reibebaum und Stolperstein.

Nichts für schwache Nerven

Am Burgtheater steht mit "Die Troerinnen" nun ein Meisterwerk klassischer Dramenkunst auf dem Spielplan. Euripides’ Drama, um 415 v. Chr. uraufgeführt, setzt nach dem Ende des Trojanischen Krieges ein. In der Bearbeitung der Regisseurin Adena Jacobs und des Dramaturgen Aaron Orzech (Übersetzung: Gerhild Steinbuch) kommen ausschließlich Frauen zu Wort. Vier Überlebende des trojanischen Königshauses beklagen das Ende der Stadt, die Odysseus via List besiegte. Eine Antikriegseloge in zeitgemäß-zerklüfteter Sprache, poetisch, unbarmherzig.

Bereits die Eröffnungsszene hält Schockmomente parat: Sylvie Rohrer sitzt mit gespreizten Beinen auf einem ramponierten gynäkologischen Stuhl und berichtet davon, dass sie ihrer Würde und Rechte beraubt worden sei, und spricht von bösen Vorahnungen während der Schwangerschaft mit Paris. Der Legende nach war Paris durch Helenas Entführung für den Ausbruch des Trojanischen Krieges verantwortlich.

Nächster Auftritt. Sabine Haupt erscheint auf der Bühne. Ihr glücken als Andromache die eindrucksvollsten Momente der zweistündigen Inszenierung. Die Akteurin vermag das unsägliche Leid einer Mutter darzustellen, deren Baby von den Griechen barbarisch ermordet wurde.

Gegen den Krieg anschreien: Sylvie Rohrer als Hekabe. - © S. Hassler-Smith
Gegen den Krieg anschreien: Sylvie Rohrer als Hekabe. - © S. Hassler-Smith

Lilith Häßles Passage als Kassandra ist ebenfalls nichts für schwache Nerven: Häßle meldet Vergewaltigungen, im Hintergrund werden abstoßende Videobilder projiziert. Zuletzt tritt Patrycia Ziolkowska als Helena auf den Plan. Sie verkörpert die Frau als ein ewiges Objekt der Begierde. Helena, die schönste Frau der antiken Welt, trägt ein Abendkleid; alle anderen Frauen (und auch der 21-köpfige Chor) stecken in hautfarbenen Ganzkörperanzügen, die Haare unter glatzköpfigen Perücken verborgen, entlang der Wirbelsäulen seltsam schillernde Wunden. Die sehenswerten Einheitskostüme von Eugyeene Teh verwandeln die Frauen auf der Bühne kunstvoll in Elendsgestalten. Die Körper werden zur Schau gestellt, durch die gleichförmigen Anzüge gleichsam wieder verhüllt.

Archetypen des Leids

Die australische Regisseurin hat sich mit ihrer feministischen Lesart antiker Dramenstoffe einen Namen gemacht. "Die Troerinnen" sind dafür ein erneuter Beleg. Am Burgtheater ist eine ästhetisch effektvolle, überaus stimmige Inszenierung zu sehen, allerdings gibt’s noch etwas Luft nach oben: Zu den Sternstunden der Antike-Bearbeitungen zählt sie nicht, dafür sind Szenen mitunter etwas zu pathetisch geraten, Posen und Gesten wirken zuweilen gestelzt. Der Schmerz, von dem in den Texten die Rede ist, kommt einem nicht wirklich nahe, bleibt Behauptung.

Zu den beeindruckenden Momenten gehören indes die Auftritte des Chors. Seinem Gesang, teils auf Griechisch, haftet etwas Ritualisiert-Sakrales an. Es ist kein aufbegehrender Chor, häufig stehen oder sitzen die Frauen ganz still und stumm auf der leeren Bühne. In der Ergebenheit ins Unvermeidliche erscheinen sie archetypisch für jenes Leid, das Frauen zu allen Zeiten und überall auf der Welt in Kriegen widerfährt.