Ballerinen in weißen Tutus auf Spitzenschuhen, ein Prinz, ein Bösewicht und eine Erste Solistin, die in einer Doppelrolle als Odette und Odile auf allerhöchstem Niveau tanzt: Das ist "Schwanensee", der Ballett-Klassiker schlechthin. Nun stelle man sich vor, es gäbe keine Tutus und Spitzenschuhe, es gäbe auch nicht den Bösewicht, und Odette oder Odile würden von allen Ensemblemitgliedern gleichzeitig getanzt - oder es ist vielleicht aber auch niemand von ihnen. Aber Peter I. Tschaikowskis legendäre Musik ist zu hören: Das ist "Schwanensee" mit Chris Harings zeitgenössischem Blick betrachtet, und am Wochenende im Linzer Landestheater uraufgeführt.

Eines wird im Lauf des kurzweiligen Abends klar: Je detaillierter man das Originalballett kennt, umso mehr Spaß hat der Zuseher an den unzähligen Anspielungen und Zitaten voll feiner Ironie. So etwa die typische Armhaltung der Schwäne: Die Arme werden im Original weit über den Kopf nach hinten gestreckt, dafür brauchen die Tänzerinnen stark überdehnte Schultergelenke. Bei Haring fallen die Oberkörper nach vorne, die Arme werden von unten in die Luft gestreckt, die Köpfe nach unten fallen gelassen. Auch zitiert er die bekannten "Vier kleinen Schwäne", wobei er die Originalchoreografie barfuß von zwei Tänzerinnen und einem Tänzer performen lässt. Die Musik dazu war zuvor zu hören, getanzt wird danach in Stille, nur das schwere Atmen der Tänzer ist zu hören. Viele weitere Zitate regen zum Schmunzeln, manchmal zum Lachen an.

Kein Klamauk

Schein und Sein per Screen und auf der Bühne. - © Michael Loizenbauer
Schein und Sein per Screen und auf der Bühne. - © Michael Loizenbauer

Dennoch ist Harings Version keinesfalls Klamauk. Die Auseinandersetzung mit Täuschung und Enttäuschung, Schein und Sein ist hier das zentrale Thema, das vom Original aufgegriffen wird. Mit seinen Körperverfremdungen mithilfe der Kostüme, die über den Kopf gezogen, ausgebeult oder gedehnt werden, setzt Haring seine Tableaux vivants auf die Bühne, die verschiedenste Assoziationen wecken, fern jeder Geschlechterrolle oder -darstellung. Ein krasser Gegensatz zum Originalballett. Oft verwendet er Statik, nämlich genau dann, wenn die Musik besonders nach Bewegung ruft. Eine Herausforderung für den ballettaffinen Zuseher. Lediglich in der temperamentvollen Tarantella stimmt Haring die Bewegung mit der Musik überein mit dem Ergebnis, dass hier die Konzentration eines neuen Vokabulars deutlich erkennbar wird. Getaucht in Harings Farben- und Filmuniversum performt das Ensemble des Linzer Landestheaters, als wäre dieses Bewegungskonzept nichts Neues.

Die vier kleinen Schwäne des Originals sind bei Chris Haring drei barfuß tanzende Performer. - © Michael Loizenbauer
Die vier kleinen Schwäne des Originals sind bei Chris Haring drei barfuß tanzende Performer. - © Michael Loizenbauer

Die Musik wird vom Bruckner-Orchester, dirigiert von Marc Reibel, mit Verve äußerst temporeich umgesetzt. Dafür gab es heftigen Schlussapplaus - wie auch für das Tanzensemble. Lediglich für den mehrfach international ausgezeichneten Choreografen und sein Team wurden vereinzelte, laute Buhrufe mit Bravo-Rufen von den angereisten Wienern übertönt.