Ich habe längst aufgehört zu zählen, wie oft ich in der U-Bahn schon von unbekannten Menschen - einfach nur im Vorbeigehen, einfach so - als ‚fette Sau‘ beschimpft wurde", schreibt Stefanie Reinsperger in ihrem soeben erschienenen Buch "Ganz schön wütend". Die 34-Jährige gehört zu den herausragenden Schauspielerinnen ihrer Generation; 2014 kam die Reinhardt-Seminarabsolventin an das Wiener Burgtheater, anschließend wechselte sie ans Volkstheater. Seit 2017 ist sie Ensemblemitglied am Berliner Ensemble. In Film und Fernsehen hat sich die Niederösterreicherin ebenfalls fix etabliert: Seit 2020 unterstützt sie etwa das "Tatort"-Ermittlungsteam Faber und Bönisch in Dortmund.

Stefanie Reinsperger hat bislang eine glanzvolle Karriere absolviert. Dennoch hält sie in "Ganz schön wütend" fest: "Und nach wie vor gilt, ganz lange hätten sie Frauen, die aussehen wie ich, gar nicht in Film und Fernsehen besetzt oder wenn, dann als lustigen, witzigen Sidekick, weil wenn eine dicke Frau etwas mitbringt, dann Humor. Stellen wir uns vor, eine dicke Person, die nicht lustig ist. Dann hast du ein Problem. Weil wenn du schon nicht als schön giltst und durch das Leben geschleust wirst, musst du das ja mit Humor überspielen."

"Ganz schön wütend" ist ein 175 Seiten starkes, sehr persönlich gehaltenes Wutbrevier, in dem die Aktrice ungeschönt über ihr Leben als Frau und Schauspielerin berichtet. Angefangen von demütigenden Shopping-Erlebnissen in Modegeschäften, die ab Größe 42 nichts Kleidsames anzubieten hatten, bis zu den Widrigkeiten ihres Singledaseins während der Pandemie: Reinsperger gewährt so anekdotenreiche wie ergreifende Einblicke in ihren Alltag.

"Schämen Sie sich"

Im Zentrum steht die kritische Auseinandersetzung mit dem Frauenbild ihrer Branche - in Theater, Film und Fernsehen. Zu den eher unerfreulichen Erlebnissen zählte ihr Engagement bei den Salzburger Festspielen in den Jahren 2017 und 2018, in denen sie an der Seite von Tobias Moretti die Buhlschaft spielte. Eigentlich die Auszeichnung für jede Schauspielerin. Doch Reinsperger hatte vor allem Schmähungen zu erdulden. Sie schreibt: "Ich wurde in einem Lokal in Salzburg beschimpft und mir wurde nachgeschrien, ich sollte mich schämen, dafür, dass ich die Rolle überhaupt angenommen habe. Ich habe einen Drohbrief bekommen, in dem stand, dass ich, falls ich es wage, noch mal auf die Bühne zu gehen, mit Konsequenzen rechnen müsste, weil nicht ertragen wird, so einen hässlichen, dicken Körper zu sehen." Nachsatz: "Und ich bin trotzdem auf die Bühne gegangen."

Die Buhlschaft verfolgte sie noch lange, nachdem die Rolle abgespielt war. Reinsperger berichtet in "Ganz schön wütend", wie sie in Bad Vöslau von einem Badegast des Kurbads angesprochen wurde, wobei das "Gespräch" darin mündete: "Oba wissens, wos I Eana scho imma moi sogn woit: Des Kleid, wos Sie do anghobt hob’n in Soizburg bei dem ‚Jedermann‘. Do homs wirklich unmöglich ausgschaut. Des hot Eana goa net passt. Versteh I bis heit net, warum Sie so was ozogn hom. Dass Sie si do nit geschämt hob’n. Des wor wirklich net schön zum Anschaun." Kann man sich einen Mann als Schauspieler vorstellen, der je mit ähnlichen Kommentaren bedacht worden wäre? Reinsperger macht ihrer Wut ganz schön grandios Luft: "Es ist mir scheißegal, ob Sie mein Kostüm schön finden."

Bedauerlicherweise ist die Schauspielerin mit solchen Erlebnissen in ihrer Branche nicht allein. Neulich ließ Akteurin Nicola Coughlan, die in der Netflix-Serie "Bridgerton" als Penelope Featherington begeistert, auf Instagram aufhorchen: Sie bittet ihre Follower ausdrücklich darum, ihr Äußeres nicht länger zu kommentieren. "Es ist wirklich schwer, das Gewicht von tausenden Meinungen über mein Aussehen zu ertragen, die ich jeden Tag zugeschickt bekomme", schreibt Coughlan in einem Post.

Selbst Megastars wie Kate Winslet sahen sich am Beginn ihrer Karriere mit demütigenden Kommentaren konfrontiert. In einem Interview mit dem "Guardian" sprach die 46-Jährige jüngst offen darüber, wie sehr sie das belastete: "Es war grausam und erschütternd."

Reinsperger, Coughlan und Winslet stehen mit ihren Bekenntnissen nicht alleine da. Eine immer größer werdende Schar an Schauspielerinnen äußerte in jüngster Zeit laut und deutlich ihren Unmut über die Zumutungen der Branche.

"Es war grausam"

Schönheit ist kein privates Thema - seit jeher wird damit Politik betrieben, und nicht nur die Kosmetikindustrie schlägt daraus Profit. Warum also die offensichtliche Obsession um die Schönheit weiblicher Protagonistinnen in der Film- und Theaterwelt? Wohl auch aufgrund einer paradoxen Situation: Viele Schauspielerinnen profitieren (zumindest solange sie jung sind) von einem System, das einen eng gezirkelten Begriff von "Schönheit" inthronisiert. So bedienen und befördern sie eine Industrie, die ein unrealistisches Bild von Makellosigkeit auf die Bildschirme bannt - wobei diese Illusion von Vollkommenheit vielen letztlich selbst zur Qual wird.

Seit Beginn der Frauenbewegung wurde das weibliche Aussehen mit emanzipatorischem Aufbegehren und politischen Forderungen verknüpft. Anfangs ging es etwa um das Recht, als Frau Hosen tragen zu dürfen. Es dauerte mehr als 100 Jahre, bis Frauen sich unbehelligt in dem Kleidungsstück zeigen durften. Die Wurzeln der Body-Positivity-Bewegung, die besagt, dass alle Körper so, wie sie sind, schön und gut sind, liegen in den 1960er und 1970er Jahren. Die Frauenbewegung wies bereits damals auf den unheilvollen Zusammenhang zwischen Sexismus und Schönheitsidealen hin. In den 1990er Jahren sorgte Naomi Klein mit ihrem Bestseller "Mythos Schönheit" für Furore: Darin beschrieb die US-amerikanische Publizistin, wie Frauen die von der Schönheitsindustrie genormten Gardemaße geradezu verinnerlicht haben. Die Kulturwissenschafterin Elisabeth Lechner kommt in ihrer 2021 erschienenen Studie "Riot Don’t Diet. Aufstand der widerspenstigen Körper" zu dem ernüchternden Schluss: "Als Frau im Patriarchat macht man’s nie richtig." Lechner verweist darauf, dass Lebensläufe von Menschen, deren Aussehen nicht der Norm entsprechen, mit vielen Diskriminierungserfahrungen verknüpft seien.

Was also tun? Das neue Schlagwort lautet: Body Neutrality. Dabei geht es schlichtweg darum, die Bedeutung, die man dem Aussehen beimisst, zu reduzieren. Schönheit, so das Credo der Bewegung, nehme in unserer Gesellschaft einen viel zu hohen Stellenwert ein.

Bleibt zu hoffen, dass diese Einsicht mehrheitsfähig wird. Bis dahin braucht es wohl noch viele Bücher wie jenes von Stefanie Reinsperger, die alles, was schiefläuft, mit Verve anprangern: "In welcher Welt leben wir bitte, dass Menschen denken, sie können ihre Beleidigungen einfach so dem Gegenüber entgegenschleudern."