"Wie erzählt man eine Geschichte, die man kaum in Worte fassen kann?", fragt sich Schauspielerin Petra Morzé am Beginn des Theaterabends "Nicht sehen" am Klagenfurter Stadttheater.

Die Stückentwicklung von Noam Brusilovsky bringt einen realpolitischen Skandal auf die Bühne, der das Land in den Nuller-Jahren erschütterte: Der angesehene Kinderarzt Franz Wurst wurde 2002 in einem Prozess wegen Anstiftung zum Mord an seiner Ehefrau angeklagt. Im Zuge des Verfahrens kam ans Licht, dass Wurst jahrzehntelang Kinder und Jugendliche in seiner Obhut als Primarius der heilpädagogischen Abteilung des Landeskrankenhauses sexuell missbrauchte und körperlich misshandelte. 38 ehemalige Schutzbefohlene sagten vor Gericht aus. Wurst wurde zu 17 Jahren Haft verurteilt, bereits nach vier Jahren aber wieder entlassen. "Ein Affront für die Opfer", meinte der damalige Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider. Dass selbst der FPÖ-Landesfürst nichts dagegen unternehmen konnte, beweist eindrucksvoll, wie viele Verbündete und Fürsprecher die einst hofierte Kapazität noch immer aufzubieten vermochte. 2008 starb Wurst 88-jährig in einem Wiener Heim.

Noam Brusilovsky, Regisseur und Mastermind der Aufführung, versucht in der Stückentwicklung nachzuzeichnen, wie und warum jemand wie Wurst so lange und so ungehindert wüten konnte. Das "System Wurst", so legt der Theaterabend nahe, basierte darauf, dass die Entscheidungsträger in den Nachkriegsjahren noch die Überzeugungen der NS-Ideologie teilten. Menschen in sonderpädagogischen Anstalten wurden demnach als "minderwertig" erachtet.

Widerstand nicht möglich

Die etwa 100-minütige Vorstellung besteht aus lose aneinander gereihten Szenen. Die beiden Schauspieler Petra Morzé und Axel Sichrovsky leisten dabei Großartiges, sie bringen im nüchternen Protokoll-Stil die Schicksale der missbrauchten Kinder zur Sprache - wie diese vergeblich versuchten, sich Wurst und seinen üblen Machenschaften zu widersetzen, geht einem ans Herz.

Zwischen diesen Berichten gibt es diverse Szenen mit Laiendarstellern, die in dem Doku-Drama gewissermaßen als Experten zu Wort kommen. Jutta Menschik-Bendele, Psychotherapeutin und Professorin an der Uni Klagenfurt, berichtet etwa von ihrem langjährigen Kampf gegen Wurst. Die Lehrerin Ricarda Wulz ruft in Erinnerung, wie angesehen das Ehepaar Wurst in der Klagenfurter Gesellschaft war und dass der Spruch: "Wenn du nicht brav bist, kommst zum Wurst" weit verbreitet war. Acht junge Darstellerinnen und Darsteller sorgen mit ihren Miniatur-Auftritten für szenische Interventionen und Irritationen, dabei dreht sich alles um die Frage: "Warum habt ihr nicht hingesehen?"

Szenisch pendelt die Inszenierung gekonnt zwischen den Auftritten der Profi- und Laien-Darsteller, die eingesetzten szenischen Mittel sind schlicht, begnügen sich im Wesentlichen mit dem Arrangement von Auf- und Abtritt. Im Vordergrund steht der Inhalt, der einen von der ersten Minute an packt und nicht mehr loslässt.