Eltern, die am Spielplatz ihren Kindern (3 und 5 Jahre alt) erklären, sie mögen bitte in einen transparenten Diskurs treten, Igelfrisurträger(innen), die sich Blechschilder mit witzigen Sprüchen aufhängen, und der eigene schleichende Weg ins Spießertum: Patrick Salmen kennt das alles. Und er schreibt sehr lustige Geschichten darüber. In Büchern mit sehr lustigen Titeln, wie "Ekstase - ist doch auch mal ganz schön" oder "Treffen sich zwei Träume, beide platzen". Ja, schon zynisch, aber es ist ein sympathischer Zynismus, den der Wuppertaler Autor, der mit einer Hommage an Bärte 2010 deutscher Poetry-Slam-Meister und viral bekannt wurde, versprüht. Und das macht er auch im E-Mail-Interview.

Hat Spaß: Patrick Salmen. 
- © Fabian Stuertz

Hat Spaß: Patrick Salmen.

- © Fabian Stuertz

"Wiener Zeitung": Ihr Buch sowie Ihr Programm heißen "Im Regenbogen der guten Laune bin ich das Beige". Menschen, die immer guter Laune sind, sind suspekt, oder? Wahrscheinlich Serienkiller . . .

Patrick Salmen: Vielleicht sind auch Drogen im Spiel?! Gegönnt sei es ihnen. Mit Eskapismus ist vieles möglich!

Es kräht einem ja sogar aus Supermarkt- und Drogerie-Regalen entgegen, man solle gefälligst happy sein und das Beste draus machen, woraus auch immer, aber mithilfe von Nudeln oder Shampoo in bunt. Eine Zumutung?

Gibt es da nicht einen Begriff für? Toxische Positivität? Wobei ich das Wort "toxisch" aufgrund der ständigen Verwendung mittlerweile für toxisch halte. Aber es stimmt! Ständig soll man sein "positives Ich" entdecken. Ich suche es jedenfalls vergeblich. Vielleicht habe ich einfach Angst, so ein grundzufriedener Mensch zu werden. Dann würde sich bestimmt auch mein Humor verändern, der sich ja meist aus einer gewissen Tragik speist, und ich wüsste wirklich nicht mehr, was ich auf der Bühne erzählen sollte. "Heute wieder im Wald gewesen, nette Leute getroffen, abends was Feines gekocht, insgesamt toller Tag" - solche Geschichten will ja keiner hören, also wäre mit Comedy erstmal Ebbe und wahrscheinlich müsste ich dann umschulen und würde als Mental-Health-Coach enden.

Der Regenbogen hat eigentlich nicht sehr viele Farben, der ist gar nicht so inklusiv, wie er tut - bin ich da etwas auf der Spur?

In der Tat. Eigentlich ist der Regenbogen ein reaktionärer Vollpfosten! Da muss mehr drüber gesprochen werden. Ein Tabu!

Beige hat ja ein ganz schlechtes Image, ist das nicht schade?

Ja und Nein!

Der Newsletter vom hippen Interior-Onlineshop Westwing berichtete dieser Tage allerdings vom "Glamour-Beige in Amsterdam" - machen diese Lifestyle-Kaperer wirklich vor nichts Halt?

Das stimmt. Vermutlich handelt es sich um generationsübergreifende Aneignung des Senioren-Lifestyles. Beige, Angora, Creme, Off-White - alles wieder moderne Farben. Was entdecken die urbanen Trendsetter als Nächstes für sich? Entenfüttern? Nordic Walking? Kreuzworträtsel? Es bleibt spannend.

Apropos: Sie haben ja gern die Menschen auf der Schaufel, die einem pseudo-urban-aufgeschlossenem Lebensstil anheimfallen: Aber in der Hafermilch-Latte-Community werden die Zyklen auch immer schneller, ist das nicht schwierig für einen Satiriker, da noch mitzuhalten?

Ich versuche meist, mich über mein eigenes soziales Milieu lustig zu machen. Ich trete also weder nach oben noch nach unten, sondern mehr in mich selbst hinein. Und selbst da komme ich nicht immer hinterher. Zu viel Wankelmut! Das Kernproblem: Ich rege mich gerne über andere Menschen auf. Am meisten rege ich mich aber über Menschen auf, die sich ständig über andere Menschen aufregen.

Ein Thema, das sich durch das Buch zieht, ist Achtsamkeit. Was macht dieses Schlagwort perfekt für Satire?

Dieser Begriff wurde durch seine inflationäre Nutzung komplett entwertet. Mittlerweile macht jeder halbwegs gescheite Mensch, der mal am Wochenende für zwei Stunden sein Handy auslässt, eine "achtsame Sinnesreise" in sich selbst. Dazu ist der Buchmarkt überschwemmt von tausenden Ratgebern mit Titeln wie "Atme! Atme! Atme!" oder "Entspann dich, du Otto!". Das Wort Achtsamkeit stresst einen ja schon fast. Große Konzerne geben viel Geld dafür aus, ihren Mitarbeitern Meditations- und Achtsamkeitsworkshops zu ermöglichen, anstatt sie einfach etwas weniger arbeiten zu lassen.

Wie viele Freundschaften und wie viele Verwandtenbeziehungen haben Sie Ihre Texte schon gekostet?

Zum Glück noch keine. Auch wenn die meisten Geschichten vom echten Leben inspiriert sind, arbeite ich da viel mit Überzeichnung und Verfremdung. Die beiden Protagonisten Volker und Kerstin sind beispielsweise eine Art Worst-of von etwa fünf real existierenden Personen. Die meisten meiner Freude erkennen sich gelegentlich wieder, verfügen aber über die große Gabe der Selbstironie.

In Ihren Texten kommen auch immer lustige Namen vor. Ulf zum Beispiel. Hat Deutschland ein besonders reichhaltiges Reservoir an lustigen Namen?

Auf jeden Fall. Deutschland ist das Land der Ülfe. Dazu kommen diverse Lütze, Bärbels, Fraukes und Sörens. Ich weiß nicht, ob das der jeweils korrekte Plural ist, aber wir sollten diese Namen dringend wieder modernisieren. So ein kleines Baby namens Wolfgang hätte schon viel humoristisches Potenzial.

Sie steigen in Ihr neues Buch mit einem Literaturzitat für Fortgeschrittene ein. Hätten Sie gern gebildetere Leser? Oder eigentlich sogar lieber ungebildetere?

Der Bildungsgrad ist mir absolut egal, solange die Menschen, sich in den Texten wiederfinden und darüber lachen können. Ich bevorzuge Leser mit sozialer Intelligenz, die nicht ständig zwischen Unterhaltungs- und Hochkultur unterscheiden wollen. Ob gehobener Pöbel oder prekäre Elite - Hauptsache, die Leute nehmen sich selbst nicht so ernst.

Jetzt doch ein ernstes Thema: Sie haben sich entschieden, Ihre Angststörung publik zu machen. Wie schwer fiel Ihnen das - Stichwort Klischee vom traurigen Komiker? Hat die Krankheit Ihre Arbeit beeinträchtigt? Hilft das Schreiben, damit umzugehen?

Humor ist für mich immer die größte Waffe gewesen, um den eigenen Dämonen entgegenzutreten. Ich leide seit vielen Jahren unter einer Depression. Dazu gesellte sich irgendwann eine Angststörung, die mir öffentliche Auftritte für eine lange Zeit unmöglich machte. Darüber zu sprechen erschien mir der einzige Weg, weil ich mir sonst alberne Ausreden für meine ausgefallenen Shows hätte überlegen müssen. Das Feedback war damals sehr überwältigend. Ich wurde nahezu überrumpelt von den ganzen lieben Nachrichten. Ich bin sehr glücklich, dass solche Themen mehr und mehr entstigmatisiert werden. Zumindest in meiner Filterblase! In der freien Wirtschaft sieht die Welt leider noch mal ganz anders aus.

Sie schreiben Ihre witzigen Alltagsbeobachtungen, aber Sie haben mit "Und draußen die Welt" auch ein Buch mit poetischen, ernsteren Texten veröffentlicht und ein Kinderbuch - was davon fällt Ihnen am schwersten?

Poetische Texte fallen mir meist leichter, weil ich beim Schreiben nicht ansatzweise an die Reaktion und Wirkung denke. Die Arbeit ist insgesamt wesentlich assoziativer und bildhafter! An Humor gehe ich wesentlich handwerklicher ran. Aber da weiß man leider nie, ob eine Pointe auch funktioniert und den Leser anspricht. Selbst wenn ich den Text beim Schreiben unfassbar lustig finde. Humor hat für mich dafür eine sehr befreiende Wirkung, der mich den ganzen Weltschmerz hin und wieder vergessen lässt.

"Cremige Dialoge" heißen jene Texte, in denen Sie Gespräche "belauschen" - gibt es da städteweise Unterschiede? Gibt es philosophischere oder melancholischere Städte und welche hat den besten Sinn für eine gute Pointe? (Das ist übrigens die "WIENER Zeitung" . . . )

Die klügsten, lustigsten und schlagfertigsten Menschen leben natürlich in Wien. Ich liebe Wien. Wien ist die tollste Stadt der Welt. PS: Kaufen Sie bitte alle mein Buch! Danke.