Woran erkennt man eine Heldenfigur klassischen Formats? Meist gibt es eine Urszene, die sich ikonografisch ins kulturelle Gedächtnis einbrennt - bei Wilhelm Tell etwa die Apfel-Schuss-Szene. Im Idealfall eignen sie sich als Identifikationsfigur; für Wilhelms Tells Freiheitsstreben können sich Erzkonservative genauso wie Ultralinke begeistern.

Schiller verwandelte die mittelalterliche Sagenfigur in seinem 1804 verfassten Drama in eine universale Figur: Der einsame Held, der den Kampf mit der Autorität aufnimmt. Nun versucht Milo Rau, in "Wilhelm Tell" den Mythos im Zürcher Schauspielhaus für die Gegenwart neu zu befragen.

Der Schweizer Theatermacher zählt zu den einflussreichsten Bühnengrößen der Gegenwart. Mit seinem globalen Polit-Theater fordert er als Intendant des Genter Nationaltheaters das Prinzip Stadttheater heraus wie kaum ein anderer. In der Schweiz hat der Globetrotter indes kaum inszeniert - und nun packt er gleich den Nationalmythos an.

Am Anfang von Raus Auseinandersetzung stand eine Recherche, etwa 400 Schweizerinnen und Schweizerinnen folgten dem Castingaufruf des Theaters, zehn von ihnen stehen nun als Experten des Alltags neben fünf Schauspielern auf der Bühne des Pfauentheaters. Ihre Antworten auf die Frage - was ist deine Lieblingsszene aus "Wilhelm Tell"? - bildet den roten Faden der 100-minütigen Inszenierung. Ausgewählte Szenen aus Schillers "Tell" werden nachgestellt, zum Teil via Videoeinspielungen, die etwa die monumentale Ästhetik der Stummfilmära zitieren, dann wiederum hört man Tonaufnahmen aus Oskar Wälterlins "Tell"-Inszenierung aus 1939, die aufgrund ihrer antifaschistischen Lesart in der Schweiz legendär ist. Milo Rau filetiert und fragmentiert Schillers "Tell" und setzt das Stück vollkommen neu zusammen. Raus Inszenierung kreist dabei um zentrale Fragen, die schon Schiller umtrieben: Was bedeutet Freiheit? Und wofür lohnt es sich heute zu kämpfen?

Auftritt Irma Frei: Die Schweizerin berichtet davon, dass sie in den 1960er Jahren als Heimkind Zwangsarbeit für die Strickereien der Firma Bührle verrichten musste, das Vermögen des Familienbetriebs wurde mit unsauberen Geschäften während des Zweiten Weltkriegs erwirtschaftet, die Kunstsammlung Bührle wird im neu eröffnete Zürcher Kunsthaus prominent ausgestellt. Als Nächstes verwickelt der Schauspieler Sebastian Rudolph den Laiendarsteller Hermon Habtemariam in ein Gespräch: Habtemariam kommt aus Eritrea, sein Asylantrag wurde 2017 abgelehnt, seitdem hält er sich illegal in der Schweiz auf, in einer fingierten Schlussszene ehelicht er auf der Bühne die Schweizer Soldatin Sarah Brunner, die zuvor von ihrem UN-Einsatz in Syrien erzählte. Nicht zu vergessen, der Rollstuhlfahrer Cem Kirmizitoprak - er hält eine flammende Rede für die Rechte von Minderheiten.

Die lose aneinandergereihten Episoden sind szenisch denkbar schlicht arrangiert. Milo Rau versteht seinen Theaterabend weniger als Kunstereignis im herkömmlichen Sinne, sondern als Denkanstoß. Nicht ästhetischer Firlefanz steht im Vordergrund, sondern politisches Handeln und Fühlen, es geht nicht um das Nacherzählen von Handlung, sondern um Ungerechtigkeiten, die hier und heute passieren. Milo Raus "Wilhelm Tell" ist so gesehen bestes Agit-Prop-Theater. Die Frage, die der Abend offen lässt: Wer wird Wilhelm Tell 2.0?