Eines muss man sich als Kartenkäufer bewusst sein: Ein Ballett von Martin Schläpfer ist kein Ballett im herkömmlichen Sinn. Also nicht nur Musik, die auf der Bühne vertanzt wird, wie etwa in den großen Klassikern. Nein, beim Direktor und Hauschoreografen des Staatsballetts ist es ein Gesamtspektakel, das noch dazu mit Chor und Gesangssolisten aufwartet. Ein Overkill an Sinneseindrücken prasselt da auf einen ein, wenn das Oratorium "Die Jahreszeiten" von Joseph Haydn als Ballett Uraufführung feiert. Einmal mehr ein Ballett ohne Ballettmusik, doch eignet sich diese elegante klassische Partitur für den Tanz?

Nun, in dieser Inszenierung spielt nicht der Tanz die erste Geige, denn der Blick des Zuschauers wechselt immer wieder von der Bühne in den Orchestergraben. Wo er dann auch gebannt verharrt. Denn dort sind, neben dem Orchester der Staatsoper, auch der Arnold Schoenberg Chor unter der Leitung von Erwin Ortner und drei Gesangssolisten zu Gast, die vom Dirigenten Adam Fischer mit Hingabe und großer Finesse geführt werden. Slavka Zamecnikova gibt mit klarer Strahlkraft die Hanne, Josh Lovell beeindruckt als Lukas und Martin Häßler als Simon. Allein schon diese musikalische Besetzung wäre für sich eine gelungene Vorstellung. Doch dazu gibt es ja noch den Tanz.

Abschweifende Blicke

Für seine Umsetzung des Oratoriums verwendet Schläpfer beinahe das ganze Ensemble, das in revueähnlichen Szenenfolgen durch den Abend tanzt: Erneut setzt Schläpfer auf Individualität, doch sind diesmal die Ensembleszenen weitaus synchroner und präziser. Das verlangen auch unbedingt jene Szenen, in denen Schläpfer amüsant den Text in Mimik und Gestik übersetzt und somit das Bühnengeschehen auflockert und die Tanz-Text-Musik-Schere wieder schließt, die hin und wieder zu bemerken ist. Auch gibt Schläpfer dem Zuseher die Freiheit, dem musikalischen Geschehen im Orchestergraben zu folgen, wenn er die Bühne nicht bespielen lässt.

Avantgardistischer Blick

Es sind vor allem die Bühnenpräsenzen der Staatsballett-Solisten, die einen abgeschweiften Blick in den Orchestergraben flugs wieder auf die Bühne zurückholen: Davide Dato, Alexey Popov, Claudine Schoch oder auch Elena Bottaro Aleksandra Liashenko, Francesco Costa und Ketevan Papava sowie Liudmila Konovalova haben Schläpfers dieses Mal wesentlich mehr auf klassischer Technik basierende, choreografische Handschrift verkörperlicht.

Grazile Sonia Dvořák in Schläpfers Uraufführung. - © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor
Grazile Sonia Dvořák in Schläpfers Uraufführung. - © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor

Die schwedische Künstlerin Mylla Ek hat Bühne und Kostüme gestaltet und einen avantgardistischen Blick auf Haydns Oratorium geworfen, der manch einem verborgen bleibt, aber immerhin die dunkle, nüchterne Bühne mit den drei großen gebogene Metalldreiecken bunt belebt.

Der Tanz als Teil eines Gesamtkunstwerks ist diesmal geglückt, auch wenn man als Ballettliebhaber einmal Musik, die für Ballett geschrieben wurde, in einer Uraufführung sehen möchte. In der nächsten Saison wird dieser Wunsch vermutlich auch in Erfüllung gehen, steht doch eine Schläpfer-Version von Peter I. Tschaikowskis "Dornröschen" auf dem Programm des Staatsballetts.