Hallo. Also. Darf ich mal fragen, wer von euch hat Kinder?" Die Schauspielerin Maike Knirsch richtet diese Frage am Beginn des Theaterabends an das Publikum des Hamburger Thalia Theaters. Am Spielplan steht die Uraufführung des Romans "Brüste und Eier". Wenn ein Regisseur wie Christopher Rüping sich ans Werk macht, geht es meist darum, die eigene Gefühlslage und persönliche Lebenssituation mit dem Theaterereignis zu verknüpfen. Keiner soll unberührt bleiben, so die Devise der Theaterarbeit made by Rüping.

Im Idealfall erfüllt sich das auf ganz überraschende Weise - im Vorjahr begeisterte etwa seine Umsetzung von Dantes Poesie in "Das neue Leben", indem die großen Fragen nach Liebe und Tod auf so sanftmütige wie amüsante Weise gestellt wurden, im Pandemiejahr 2020 fegte er wie ein Berserker mit zahlreichen Online-Theaterprojekten durchs Netz, vor allem sein Hybrid-Theater "Einfach das Ende der Welt" wirkte wie ein Elixier im Lockdown.

Armut und Ausbeutung

Was stellt der 36-jährige Regisseur nun mit dem antikapitalisch-feministischen Roman der japanischen Autorin Mieko Kawakami an? Die inszenatorischen Ansätze sind vielversprechend: Rüping lässt sich vom Bunraki-Theater inspirieren, eine äußerst stilisierte Form des Puppentheaters, die sich in Japan seit dem 17. Jahrhundert ungebrochener Beliebtheit erfreut.

Bei Rüping sieht das folgendermaßen aus: Die Akteure stülpen sich fallweise Masken vors Gesicht, die Larven haben etwas Kindlich-Naives an sich, zitieren japonesque Motive, ohne eindeutig zuordenbar zu sein, so entstehen allerliebste Fantasiewesen, mitunter werden die Maskenträger sogar von anderen Akteuren bewegt, als wären sie selbst zu Puppen geworden. Auch die Textpassagen werden von anderen Schauspielern gesprochen, die sichtbar am Bühnenrand sitzen. Durch diese strikte Trennung von Spieler und Sprache entstehen tatsächlich urkomische und zugleich berührende Theatermomente. Damit treffen Rüping und sein Team punktgenau den Ton des Romans: lakonisch, komisch, tragisch.

Der Inhalt von "Brüste und Eier" ist nämlich weniger reißerisch als der Titel, es geht darin um Armut und Ausbeutung, um den Überlebenskampf zweier Schwestern. Die alleinerziehende Mutter starb früh, die beiden schlagen sich fortan allein durch, die Armut zwingt die ältere Schwester, einen Job als Animierdame im Rotlichtmilieu von Osaka anzunehmen, die jüngere flüchtet schließlich nach Tokio mit dem erklärten Ziel, Schriftstellerin zu werden.

Nach zehn Jahren sehen sie einander wieder. Die ältere Schwester will sich in Tokio einer Brustvergrößerungsoperation unterziehen, ihre zwölfjährige, unter Pubertätsnöten leidende Tochter im Schlepptau, kommt es zu einem Wiedersehen voll ambivalenter Gefühle. Der Optimierungsdruck, der auf Frauen und ihren Körpern lastet, wird im Roman meisterhaft porträtiert, hier glücken der Inszenierung auch die besten Momente: Wie Hans Löw als ältere Schwester, Julian Greis als pubertierende Zwölfjährige und Maike Knirsch einander umgarnen, entfaltet eine mitreißende Phänomenologie des Frauseins.

Leider geht es dann aber noch zwei Stunden weiter. Nach der Pause zerfällt die vierstündige Inszenierung sowohl inhaltlich als auch formal, zu viele Themen werden angerissen - von Asexualität und Beziehungsunfähigkeit, bis hin zum Kinderwunsch durch Samenspende. Der Text franst aus und auch die Inszenierung verliert den Fokus, zwar rackert sich das siebenköpfige Ensemble redlich ab, auf der Bühne ist ordentlich was los: Es gibt Tanzeinlagen, Miniaturszenen, Videoeinspielungen und Frontalmonologe zum Teil sogar auf Japanisch, aber irgendwie hat das ganze Unternehmen den Zusammenhalt verloren. Einmal noch nimmt der Abend Fahrt auf zum großen Schlussmonolog: Die ziemlich detaillierte Schilderung einer Geburt ist nichts für schwache Nerven, aber zugleich eine Liebeserklärung an das Leben und die Liebe.