Der Opernherbst in Wien verspricht dieses Jahr besonders interessant zu werden, bekommen doch zwei der drei großen Häuser neue künstlerische Profile. Regisseur Stefan Herheim übernimmt das auch gleich umbenannte MusikTheater an der Wien - wenn auch Umbau-bedingt vorerst im Museumsquartier. Mit Lotte de Beer startet erstmals eine Frau als Direktorin der Volksoper Wien - auch sie ist Regisseurin. Bogdan Roščić, der im September in seine dritte Saison als Staatsopern-Chef geht, ist damit der einzige Nicht-Künstler im Trio der Operndirektoren.

Seit dieser Woche liegen nun mit den Spielplänen der drei Häuser quasi die Karten auf dem Tisch. Dass dieses Trio die Musikstadt Wien und das Opernleben darin prägen wird, steht schon in der Papierform der Programme fest. Neue Dirigentinnen, Sänger und Regisseure werden sich vorstellen, neue Formate erprobt und neue inhaltliche Ausrichtungen entwickelt.

Der in Oslo geborene Regisseur Stefan Herheim übernimmt mit September die Intendanz im Theater an der Wien, das nunmehr MusikTheater an der Wien heißen wird. 
- © Moritz Schell

Der in Oslo geborene Regisseur Stefan Herheim übernimmt mit September die Intendanz im Theater an der Wien, das nunmehr MusikTheater an der Wien heißen wird.

- © Moritz Schell

Eine erste Analyse der Spielpläne zeigt: Inhaltlich nähern sich die drei Häuser eher einander an, als ihre jeweiligen Profile weiter zu schärfen. Die Musikstadt Wien wird mit den neuen Leitungsteams jedenfalls deutlich jünger - und vor allem an der Volksoper auch außerhalb der Direktion weiblicher. Der Wien-Bezug der drei Intendanten ist dabei sehr unterschiedlich: Bogdan Roščić besitzt als Einziger eine ausgeprägte biografische Wien-Vergangenheit, hat hier studiert und in der Medienbranche gearbeitet. Die Niederländerin Lotte de Beer war zuletzt während der Ära von Roland Geyer regelmäßig im Theater an der Wien und in der Kammeroper als Regisseurin zu Gast, hat in Österreich zudem in Bregenz gearbeitet. Stefan Herheim hat sich Wien künstlerisch angenähert, hat in Bregenz, Salzburg, Graz und Linz gewerkt. Als bisher einzige Station in Wien nennt Herheims Biografie ausgerechnet eine Arbeit an der Volksoper: Puccinis "Butterfly" von 2004. Wenn Lotte de Beer und Stefan Herheim im kommenden Herbst in Wien Regiearbeiten aus eigener Hand vorstellen - die Niederländerin inszeniert eine Musiktheater-Mischkulanz namens "Jolanthe und der Nussknacker", der Norweger Janáčeks "Schlaues Füchslein" -, dann debütieren sie damit am eigenen Haus.

Grenzen verschwimmen

Die niederländische Regisseurin Lotte de Beer hat bereits mehrmals in Wien inszeniert und zwar im Theater an der Wien. Im Herbst startet sie als erste Direktorin in der Volksoper Wien und debütiert dann auch gleich als Regisseurin am eigenen Haus. 
- © apa / Volksoper Wien / David Payr

Die niederländische Regisseurin Lotte de Beer hat bereits mehrmals in Wien inszeniert und zwar im Theater an der Wien. Im Herbst startet sie als erste Direktorin in der Volksoper Wien und debütiert dann auch gleich als Regisseurin am eigenen Haus.

- © apa / Volksoper Wien / David Payr

Dass die beiden bisher an diversen Bühnen, doch nicht am künftigen Arbeitsort inszeniert haben, ist wohl mehr als eine launige Anekdote. Es dürfte auch bezeichnend für die Zukunft sein. De Beer ist nicht die Künstlerin, die auf den bisherigen Volksopernkurs abonniert ist, Herheim ein Kreativling mit Appetit auf eine lange Werk-Speisekarte. Das wird zu einer Aufweichung der - auch vom Publikum - eingelernten Rollenverteilung zwischen den Häusern führen. Überspitzt gesagt dürfte es Wochen geben, die denen in Wien der Befund naheliegt: Hier machen alle alles.

Wie er die Wiener Staatsoper prägt, zeigt Bogdan Roščić bald in seiner dritten Spielzeit. Er hat das noch länger vor und will sich um eine Verlängerung seines Vertrages ab 2025 bewerben. 
- © Peter Mayr

Wie er die Wiener Staatsoper prägt, zeigt Bogdan Roščić bald in seiner dritten Spielzeit. Er hat das noch länger vor und will sich um eine Verlängerung seines Vertrages ab 2025 bewerben.

- © Peter Mayr

Natürlich: Die bisherige Aufteilung ist nicht in den Stein einer Gebotstafel gehauen, und Veränderung bedeutet Leben. Und für die Neupositionierung ist nicht zuletzt die Politik mit verantwortlich, die ja nicht nur Personalentscheidungen getroffen, sondern auch inhaltliche Konzepte abgesegnet hat. Doch die alte Ordnung verhalf den Bühnen zu einem klaren Profil: Die Staatsoper fokussierte bisher vor allem auf Repertoire-Klassiker und Werke opulenteren Zuschnitts; die Volksoper hat sich - jedenfalls in den 15 Jahren des nun scheidenden Robert Meyer - als volksnaher Entertainer mit Zug zu Operette und klassischem Musical positioniert. Das Theater an der Wien wiederum besaß bislang eine markante Position neben den beiden Repertoirehäusern: Befreit von der Pflicht zur täglichen Vorstellung, arbeitet es nach dem Stagione-System, zeigt also jede Produktion nur eine Handvoll Mal. Damit kann sich das Haus auf Raritäten kaprizieren oder Opernklassiker gewissermaßen mit einem Twist auf die Bühne bugsieren, also mit einem pointierten Konzept oder einem frappanten Quereinsteiger am Regiepult - gewissermaßen als die Wunderkammer der Wiener Häuser.

Nun ist es nicht so, dass Volks- und Staatsoper die Rarität bisher gemieden hätten wie der Teufel das Weihwasser. Aber: Die Experimentierlust nimmt dort spürbar zu. Zwar bleibt de Beer dem Faible ihres Vorgängers für die leichte Muse treu, kredenzt diese aber fallweise in ungewohnter Gestalt: Als Operette serviert sie unter anderem die "Letzte Verschwörung" des Zeitgenossen Moritz Eggert, holt für Offenbachs "Orpheus" den britischen Theatertrupp Spymonkey und zimmert mit "Jolanthe und der Nussknacker" ihr eigenes Stück Musiktheater - wobei diese neue Ära auch mit mehr Regiewagemut einhergehen dürfte, als er zuletzt hier heimisch war. Progressive Geister wird es wohl freuen. Und: Es dürfte sich vorteilhaft bemerkbar machen, dass mit de Beer wieder ein Musikdirektor (Omer Meir Wellber) am Haus einzieht. Wer Stücke nach dem Libretto-Buchstaben gespielt sehen will, so steht jedenfalls zu vermuten, dürfte aber eine der letzten einschlägigen Bastionen verlieren.

Auch an der Staatsoper wächst die Experimentierlust: Roščić pflegt zwar weiter den Repertoire-Katalog, eröffnet seine Saison aber nicht mit einer Opernpremiere, sondern Vokalmusik von Gustav Mahler, angereichert um Schauwerte des Regisseurs Calixto Bieito: gewissermaßen ein Theater-an-der-Wienerischer Abend. Auch mit einigen Engagements nähert sich das Opernflaggschiff dem Musiktheater von der Wienzeile an. Dabei ist es durchaus zu begrüßen, dass der ideenpralle Regisseur Keith Warner und der profunde Bassbariton Florian Boesch endlich am Opernring debütieren. Auch der Concentus Musicus wechselt an das Wiener Haupthaus.

Doch auch das Theater an der Wien stellt sich noch breiter auf: Statt Opernhaus nennt es sich künftig programmatisch MusikTheater. Vom Oratorium bis zum (jedenfalls angedachten) Musical, von der Barockoper bis zur Operette wird man hier unter Herheim künftig wohl alles sehen und hören können. Es stimmt Musiktheaterfreunde fast dankbar, dass die Staatsoper noch keine Musical-Pläne wälzt.

Was dieser Trend zum musikalischen Gemischtwarenladen für das Publikum bedeuten wird, wird wohl erst die nächste Saison zeigen. Im schlechtesten Fall buhlen die drei Bühnen um dieselbe schmale Publikumsschicht und vergraulen alle anderen. Im besten Fall belebt die sprichwörtliche Konkurrenz das Geschäft, inspirieren die neuen Künstlerinnen und Künstler einander und lassen in Wien ein lebendig pulsierendes Musiktheaterzentrum entstehen, das in die Welt hinaus strahlt.