Lange Zeit pandemiebedingt nur auf Bildschirmen, jetzt endlich wieder vor Ort: Das Berliner Theatertreffen, die Leistungsschau des deutschsprachigen Bühnengeschehens, wird am Freitag, 6. Mai, im neu renovierten Haus der Berliner Festspiele mit Christopher Rüpings Inszenierung "Das neue Leben" eröffnet; bis 22. Mai stehen dann zehn bemerkenswerte Inszenierungen auf dem Spielplan.

Nur auf den ersten Blick kehrt das Berliner Festival in den Normalbetrieb zurück - tatsächlich ist das diesjährige Theatertreffen unter besonderen Bedingungen entstanden und spiegelt eine Bühnenlandschaft im Ausnahmemodus. Ein Bericht aus dem Inneren von der Theaterkritikerin dieser Zeitung als Mitglied der siebenköpfigen Jury des Berliner Theatertreffens.

Abgesagt, sorry!

Der Sichtungszeitraum für das diesjährige Theatertreffen umfasste ein Jahr, von Jänner 2021 bis Jänner 2022. Zumindest auf dem Papier. Coronabedingt waren rund fünf Monate lang die meisten Bühnen geschlossen, etliche Premieren fanden im Digitalmodus statt, vieles wurde aufgeschoben.

Ab Mitte Mai des Vorjahres wurden dann vielerorts im Wochentakt Premieren gefeiert. Mit der Jurorinnentätigkeit für das Theatertreffen ist ziemlicher Reiseaufwand verbunden: Heute Hamburg, morgen Zürich, übermorgen Düsseldorf. Sichtet eine Kollegin oder ein Kollege ein sehenswertes Stück, rückt die gesamte Jury aus.

Im Herbst und Winter 2021 verlief das Hin und Her zwischen den Theaterhäusern als Hochsicherheitstrakten unter verschärften Bedingungen: Kaum eine Reise erfolgte wie geplant, häufig ereilte einen unterwegs die Nachricht, die Vorstellung, für die man bereits hunderte Kilometer im Zug hinter sich hat, sei krankheitsbedingt verschoben. Leider. Sorry.

Ganz zu schweigen von den coronabedingten Sicherheitsvorkehrungen! Zuweilen änderte sich so ziemlich alles von einem auf den andern Tag. Dabei noch den Überblick bewahren? All die regionale Unterschiede und korrekten Zertifikate parat haben? Eine logistische Herausforderung der Spitzenklasse. Unter den Jurorinnen und Juroren herrschte reger Austausch über die diversen Test-Stationen, Thema Theater später. Im Oktober dann die Zoom-Krisensitzung: "Geht sich das alles aus?"

Es ging sich aus. Dank der außerordentlichen Vitalität und Vielfalt der deutschsprachigen Theaterlandschaft, die unter widrigen Umständen zur Hochform auflief. Über 500 Darbietungen wurden gesichtet; den phasenweisen Schließungen zum Trotz entspricht das durchaus der Frequenz eines regulären, pandemiebefreiten Jahrgangs. Über 30 Inszenierungen kamen schließlich in die engere Auswahl. Zehn davon wurden nach Berlin eingeladen.

Rüpings Eröffnungspremiere "Das neue Leben" aus dem Schauspielhaus Bochum bringt Werke von Dante auf die Bühne. Rüpping versteht es meisterhaft, sich sperrige Stoffe einzuverleiben. Alles wirkt hier wie mitten aus dem Leben. Den Abschluss des Theatertreffens 2022 wird Claudia Bauers Jandl-Inszenierung "humanistää" aus dem Wiener Volkstheater bilden, für das Haus am Schnitzler-Park die erste Einladung seit 1970. Die Regisseurin belebt Jandls Idiom auf der Bühne so vielfältig wie theatertauglich.

Mit Dantes Pop-Poesie hebt das Berliner Treffen an, mit großem Jandl-Theaterspaß wird es ins Finale gehen. Dazwischen gibt es Neues zu entdecken, auch aus der Theaterprovinz: Christian Barons Debütroman "Ein Mann seiner Klasse" handelt vom entbehrungsreichen Aufwachsen in der Unterschicht; der ehemalige Volkstheater-Schauspieler Lukas Holzhausen hat aus der brisanten Vorlage in Hannover mit minimalen Mitteln eine packende Aufführung destilliert. Ewa Marciniak und ihre Dramaturgin Joanna Bednarczyk haben Schillers "Johanna von Orleans" nach allen Regeln der Kunst dekonstruiert und überschrieben: ein nachdenklich-irrlichtender Schiller-Kommentar, zugeliefert aus Mannheim.

Dass politisches Theater witzig und unterhaltsam sein kann, beweisen gleich zwei Produktionen: Aus Dresden stammt Volker Löschs luzide "Tartuffe"-Bearbeitung, eine Abrechnung mit der deutschen Sozialgeschichte. In "Slippery Slope" hat Regisseurin Yael Ronen im Berliner Gorki Theater wiederum ein neues Genre etabliert: Das Debatten-Musical, das einen launigen Rundumschlag bietet, Cancel-Culture und MeToo durch den Kakao zieht.

Poesie und Politik. MeToo und Weltverschwörung. Börsen-Crash und Demenz. Die zehn bemerkenswerten Aufführungen dieses Jahrgangs lassen wirklich nichts aus. Endlich wieder: Vorhang auf!